Donnerstag, 4. Juni 2020

Ad-libitum-Webinar

Heute habe ich am Webinar zur Ad-libitum-Tränke vom Kuhverstand teilgenommen. 
Kuhverstand (--> Internetseite) ist das Unternehmen von Christian Völkner; am besten kann man es als Beratung im digitalen Zeitalter beschreiben. Neben dem Kuhverstand-Podcast gibt es unter anderem auch die Webinare zu verschiedenen Themen.

Mit Webinaren hatte ich noch gar keine Erfahrung, um Videokonferenzen bin ich in den letzten Monaten auch drum herum gekommen, Homeoffice geht nun mal im Kuhstall nicht.
War eine sehr produktive Arbeitsatmosphäre, das schätze ich auch sehr, wie ich z.B. unterwegs war beim Herdenmanagerlehrgang bei den Testherdentagungen, auf der Landwirtschaftsakademie usw; wenn die "Kuhmenschen" zusammen sind ist immer ein reger Austausch da.
Es war ein Dutzend Teilnehmer, bis nach Tirol und mit unterschiedlichstem Stand bei der ad-libitum-Tränke; da gehörte ich zu den Fortgeschrittenen.

Referentin war Konstanze aus der Nähe von Rendsburg, die seit 2011 mit ad-libitum-Tränke arbeitet, ein großer Fan davon ist und über die Jahre viele Erfahrungen gesammelt und vor allem optimiert hat. Sowohl die Ansätze als auch die Ergebnisse waren sehr interessant und beeindruckend.
Ihr Hauptgrund ist die Arbeitszeiteinsparung, weil die ad-libitum getränkten Kälber gesünder sind und daher weniger Betreuung brauchen. Die anderen Sachen sind eher nachrangig, wo auch der Spaßfaktor dazu zählt den muntere, frohwüchsige Kälber bieten.

Die Kälber sind drei Wochen lang in Iglus und bekommen täglich 14 Liter. Zuchtkälber alleine, Mastkälber je nach Iglusgröße zu zweit oder zu dritt. Die Zuchtkälber deshalb alleine weil da viele so enge Freundschaften fürs Leben geschlossen haben, dass sie sich dann gegenseitig leernuckeln. Das habe ich auch von anderen Leute schon gehört.
Von drei Wochen Alter sind die Kälber dann am Tränkeautomat, wo sie ebenfalls 14 Liter bekommen. Das ist dann Vollmilch mit zusätzlichen 30 g Milchpulver pro Liter. Von 50 bis 105 Tagen Alter werden sie langsam abgetränkt.

Durchschnittlich werden 1.098 g Tageszunahmen erreicht. Nach oben geht es schon Richtung Mastbullenniveau. Mit dreieinhalb Monaten 190 kg! (1.405 g/Tag). Oder nach drei Wochen schon über 70 kg. Das sind die Kälber die ich als "unhandlich" bezeichne.

Was auch schon von anderen Betrieben übernommen wurde ist die "Ad-libitum-Ampel" zur Dokumentation der aufgenommenen Tränkemenge zwischen den Mitarbeitern. Das ist schnell und übersichtlich notiert und ist eine gute Frühwarnung für aufziehende Krankheiten. 
Von den 7 l Tränkemenge:
- weniger als 2 l Rest = grün
- 2 - 5 l Rest = gelb
- mehr als 5 l Rest = rot 

Für mich dazu gelernt habe ist die Sicherstellung der Wasserversorgung, mehrmals am Tag das Wasser austauschen und vom Geburtstag an, noch vor dem Milcheimer. Damit lernen die Kälber schnell ihren Flüssigkeitsbedarf zu Regeln und dehydrieren bei Durchfall nicht.
Der Tränkeautomat ist in der Portionsgröße auf 5,5 Liter beschrä;nkt, dass die in der Eimertränke ad-libitum gewöhnten Kälber im Saufen nicht abgewürgt werden und dann nicht wieder kommen, also den Umstellungsstress nicht mit machen müssen.

Das Webinar war kurzweilig und lehrreich; mal sehen wenn wieder was angeboten wird das mir zusagt.

Als Symbolbild noch ein besonders sattes Ad-libitum-Kalb, das war bei Sebastian in Gressow:

Benjamin




Sonntag, 31. Mai 2020

Fruchtbarkeitskennzahlen - Teil 2

Nun zum zweiten Teil der Fruchtbarkeitskennzahlen, die nicht in den Zeitstrahl passen.

NR56 - Non-return-Rate nach 56 Tagen. Mit Non-return, also nicht zurückkommen sind die Kühe/Färsen gemeint, die bis 56 Tagen nach der 1. Besamung nicht wieder besamt wurden und damit wahrscheilich tragend geworden sind. Wegen der unterschiedlichen Fruchtbarkeit von Färsen und Kühen werden die im Milchkontrollbericht separat ausgewiesen. Durchschnitt in Brandenburg bei Kühen 50,5 % und bei Färsen 71,3 %.
NR90 - Non-return-Rate nach 90 Tagen. Nach 90 Tagen ist die Trächtigkeit relativ sicher, die gefährliche Zeit der Frühaborte ist vorbei. Und auch eine Kuh die nicht aufgenommen hat setzt auch nicht mal eben so lange im Zyklus aus, dass sie erst nach mehr als 90 Tagen wieder brünstig wird. BB für Kühe 42,2 %, für Färsen 66,5 %.
BI - Besamungsindex. Wie viele Besamungen nötig sind für eine Trächtigkeit zu erreichen. Dabei werden auch die Besamungen von den Kühen/Färsen mitgezählt die nicht tragend werden. Auch hier wieder die Unterteilung in Kühe und Färsen. In BB bei Kühen 2,4, bei Färsen 1,6.
Remontierungsrate. Remontierung ist in der Tierhaltung der Ersatz von abgegangenen Zuchttieren durch neue, auf die Milchkühe bezogen sind es die abkalbenden Färsen. Dabei ist die Remontierungsrate die Zahl der Färsenabkalbungen durch den Durchschnittsbestand im Jahr. In BB 35,7 %.
BNR - Brunstnutzungsrate. Wieviel der zur Besamung anstehenden Tiere (Kühe wie Färsen) innerhalb von 21 Tagen (= 1 Zyklus) besamt wurden. Man fängt an nach dem Ablauf der freiwilligen Wartezeit zu zählen. Die Brunstnutzungsrate ist besonders von der Brunstbeobachtung abhängig, dass man auch die brünstigen Kühe findet. 
TREB - Trächtigkeitsrate aus Erstbesamungen. Anteil der Kühe die von der 1. Besamung tragend geworden sind.
PR - Pregnancy Rate. PR = BNR x TREB. Anteil der Kühe die innerhalb von 21 Tagen tragend geworden sind. Einen deutschen Begriff gibt es dafür nicht (vgl. Post vom 13.02.2018). Ziel sind über 20 %. Ganz so zufrieden bin ich mit der Kennzahl nicht. Die Amerikaner reiten auf der Zahl rum, alle Kühe möglichst schnell nach der Kalbung wieder tragend zu kriegen; aber man kann da mit Hormonen ziemlich "cheaten". So hatte damals die Sunridge Dairy (siehe Post vom 16.10.2014) 32 %. Mit Brunstsynchronisierung ist das kein Problem. Anfang 2016 hatte ich mal die ganzen Fruchtbarkeitskennzahlen für Boberow ausgrechnet als Paulin das im Studium hatte. Die Pregnancyrate lag da bei nur 16 %, vor allem weil die Brunstnutzungsrate so schlecht war.
Das es in der heutigen Zeit nicht mehr darum geht die Kühe möglichst schnell tragend zu kriegen ist es vielmehr ein Maß dafür wie schnell es nach dem Ablauf der (individuellen) freiwilligen Wartezeit gelingt. "Zahl für termingerechte Trächtigkeit".

Benjamin

Mittwoch, 27. Mai 2020

Fruchtbarkeitskennzahlen - Teil 1

Endlich hat die Berufsschule wieder angefangen und ich muss als Ausbilder unseren Lehrlingen nicht mehr bei ihren Hausaufgaben helfen. Weil das war teilweise sehr ernüchternd die Diskrepanz zwischen dem was ein Landwirt/Tierwirt am Ende seiner Ausbildung können sollte und was nach knapp zwei oder sogar drei Jahren erst da ist.

Eine Aufgabe ging um Fruchtbarkeitskennzahlen bei Rindern und da habe ich zur Veranschaulichung schnell einen Zeitstrahl aufgemalt. Den gibt es jetzt für den Kuhblog in schöner und doppelter Ausführung (für Kühe und Färsen). Es sind nämlich ein ganzer Haufen der Fruchtbarkeitskennzahlen, mit denen man so um sich wirft, meistens nicht alltäglich aber wenigstens einmal im Monat wenn vom LKV der Bericht von der Milchleistungsprüfung kommt in dem die meisten ausgewiesen sind.


Erstes Bild für die Kühe:





















FWZ  - Freiwillige Wartezeit. Die Zeitspanne die man nach der Kalbung eine Kuh nicht besamt, bis der Stoffwechsel und der Zyklus rund laufen. Eine fruchtbare Kuh ist meist um die 4 Wochen nach der Kalbung das erste Mal wieder brünstig. Die FWZ haben die meisten Betriebe bei 60 oder 80 Tagen.
uFWZ - unfreiwillige Wartezeit. Wenn die freiwillige Wartezeit abgelaufen ist muss man noch bis zur nächsten Brunst warten für die erste Besamung. Bei einer Zykluslänge von 21 Tagen beim Rind wären es dann theoretisch 10,5 Tage wenn man alle Brunsten erwischen würde (zur Brunstnutzungsrate im nächsten Post).
RZ - Rastzeit. Zeit von der Kalbung bis zur ersten Besamung. RZ = FWZ + uFWZ. Liegt in Brandenburg bei durchschnittlich 73 Tagen.
ZBZ - Zwischenbesamungszeit. Da nicht immer gleich die erste Besamung erfolgreich ist und die Kuh wieder brünstig wird ist die ZBZ die durchschnittliche Zeit zwischen den einzelnen Besamungen. 21 Tage wären ein Zyklus, 42 Tage zwei Zyklen, 63 Tage drei Zyklen. Kuhindividuell trifft es nicht zu, aber im Durchschnitt kann man ableiten, ob eher die nächste Brunst erwischt oder verpasst wird. In BB 40 Tage.
VZ - Verzögerungszeit. Die Zeit zwischen erster Besamung und erfolgreicher Besamung. Wird die Kuh gleich bei der ersten Besamung tragend ist VZ = 0. Teilweise kann es deutlich über die 100 Tage gehen. In BB 75 Tage.
GZ/ZTZ - Güstzeit oder Zwischentragezeit. Die Zeit von der Kalbung bis zur nächsten Trächtigkeit.  GZ/ZTZ = RZ + VZ. In BB 138 Tage.
ZKZ - Zwischenkalbezeit. Die Zeit zwischen einer und der nächsten Kalbung. In BB 410 Tage. Die alte Regel 365 Tage für jedes Jahr ein Kalb ist überholt und die Tendenz geht zur Verlängerung der Zwischenkalbezeit. Dazu werden ich noch mal (definitiv) mehrere Posts schreiben.

Tragedauer ist keine Kennzahl. Aber wenn man die Tragedauer auf die GZ draufzählt kommt man auf die vZKZ - vorraussichtliche Zwischenkalbezeit. Die Tragedauer beträgt bei Holsteins mit einer Schwankungsbreite von meist rund zwei Wochen um die 280 Tage.
Trockenstehdauer ist ebenfalls keine Kennzahl, beträgt meist um die 8 Wochen vor der nächsten Kalbung.

Zweites Bild für die Färsen:





















Zur Zulassung zur Zucht gibt es keine Kennzahl, ist aber vergleichbar mit der FWZ bei den Kühen. Die erfolgt wenn die Färse schwer genug ist für die Zucht, je nach Betrieb zwischen 380 und 430 kg, so zwischen knapp 12 und 16 Monaten Alter.
EBA - Erstbesamungsalter. Das Alter in dem die Färse dann zum ersten Mal besamt wird. In BB Durchschnitt 16 Monate. 
Bei den Färsen gibt es aucg ZBZ und VZ. Die Zwischenbesamungszeit ist mit 39 Tagen in der selben Größenordnung. Die VZ deutlich geringer mit rund 1 Monat, weil die Färsen eine bessere Fruchtbarkeit haben und daher mehr eine VZ = 0.
FKA - Färsenkonzeptionsalter. Konzeptions ist die Befruchtung; das Alter in dem die Färsen tragend werden. FKA = EBA + VZ. In BB 17 Monate.
EKA - Erstkalbealter, wann die Färse zum ersten Mal kalbt und zur Kuh wird. Für mich die wichtigste Fruchtbarkeitskennzahl, weil sehr aussagekräftig über den Erfolg und Wirtschaftlichkeit der Jungviehaufzucht, auch wenn da etwas die Intensität (z.B. Weide) reinspielt. Ziel sind bei Holsteins 24 Monate. In BB im Durchschnitt 26 Monate. Die Bandbreite beträgt da zwischen den Betrieben von unter 23 bis über 29 Monaten, auf das Einzeltier bezogen gibt es noch größere Unterschiede.

Fortsetzung folgt!

Benjamin

Donnerstag, 21. Mai 2020

Aktuelles Wachstum

Bei dem sonnigen Wetter am heutigen Feiertag habe ich abends einen größeren Rundgang in der Feldflur gemacht um mal den aktuellen Stand der Vegetation zu begutachten.

Unkrauteck kann man zu dieser Stelle eher nicht sagen, ist eine Freifläche die spontan bewachsen ist. Hauptsächlich mit Klatschmohn, Roggen, Phacelia und Luzerne. Luzerne kann schon mal gernerell kein Unkraut sein und Phacelia ist eine wichtige Zwischenfrucht, auch wenn ich einen speziellen Bezug zu ihr habe (siehe Post vom 09.10.2016). Hier waren unzählige Bienen und Hummel an den Blüten unterwegs. Auf dem Foto sieht man nur die dickste davon unten links: 



















Hoffentlich gibt es dieses Jahr mal wieder eine normale Maisernte für unsere Kühe. Der Mais hat die Eisheiligen überstanden und vom Regen der letzten Woche profitiert. Momentan ist er im 4-Blatt-Stadium:





















Ende Mais bis Anfang Juni wenn die Gerste grüne Grannen hat ist der zweite optische Höhepunkt nach der Rapsblüte im Pflanzenbaujahr. Die Landschaft sieht dann so "weich" aus und wenn noch etwas Wind durch die Ähren geht... da kann ich mich gar nicht dran satt sehen. Es ist mehrzeilige Gerste:

Benjamin




Montag, 18. Mai 2020

Crew IV/2020

Zum Lebensgefühl mit Kuh gehören Katzen im Stall dazu, auch wenn ich manchmal dem Gedanken der "katzenfreien Anlage" nachhänge. Weil die schon mal ins Futter machen und sich nicht immer mit dem Einsatz von Rattengift vertragen, wobei mir aus eigener Erfahrung keine solcher Kollateralschäden bekannt sind. 

Momentan sind in der Abkalbebucht wieder kleine Katzen. Seit der Geschichte mit Mikla (siehe Post vom 24.04.2014) - mehr als sechs Jahre ist das mittlerweile her - bin ich da vorsichtig, dass keine Kuh versehentlich drauftritt.
Aber das Nest ist an der Wand und zudem von einem Pfeiler geschützt, sodass die Kühe durch ihren "Überhang" automatisch den Sicherheitsabstand einhalten. Und beim Ausmisten ist die Mutterkatze auch enstpannt geblieben.
Sie als 2020er Jahrgang der Schadnagerbekämpfungsbrigade zu bezeichnen wäre etwas ungenau und daher nach Marineart als Crew IV/2020:




















Benjamin

Donnerstag, 14. Mai 2020

Elektrohoflader

Gestern hatten wir für eine kleine Vorführung einen Schäffer 23e da. Ein Hoflader mit Elektroantrieb. Momentan steht eine Neuanschaffung für einen der Hoflader an (hat einen kapitalen Motorschaden). Der Elektrohoflader steht nicht zur Wahl, weil die Investitionskosten zu hoch sind, auch wenn die gesamten Lebenszykluskosten niedriger wären. Aber Schäffer war zufällig in der Gegend mit dem Vorführer untewegs und kam vorbei.

Der Weidemann 1160 eHoftrac war auf der Eurotier 2014 der erste Hoflader mir Elektroantrieb. Hoflader sind von den mobilen Landmaschinen gut geeignet zur Elektrifizierung: Recht geringe Leistung, nicht stundenlanger Volllastbetrieb, geringer Aktionsradius um die Ladestation und brauchen eh ein Gegengewicht (also die Batterie).
Mittlerweile gibt es auch von einer Reihe weiterer Hersteller elektrisch angetriebene Hoflader (Giant, Avant, Kramer). 
Den Weidemann bin ich vor drei Jahren mal auf dem Hoffest eines Bekannten gefahren. Da hatte der örtliche Weidemann-Händler den als Kinderprogramm ausgestellt (Reifenstapeln). Damals fiel mir gegenüber dem Schäffer 442, auf den ich "geeicht" bin - also mit dem überdimensionierten Einstreugerät auf zwei Rädern fahren usw. - auf, dass der fast sofort stehen blieb wenn man vom Fahrpedal ging wogegen es beim Hydrostatitischen Antrieb noch ein Stück weit ausrollt und das man im Fahrgefühl einkalkuliert hat.

Der Schäffer dagegen ist eine Leistungsklasse höher was man beim Fahren gleich merkt und rollt weiter aus als mit hydrostatischem Antrieb. Also ungewohnt in die andere Richtung aber angenehmer weil nicht so ruckelnd.
Einen vollen Palettencontainer packt der anzuheben und sicher zu transportieren.

Das war alles im Eco-Modus mit reduzierter Leistungsabgabe, dass die Batterie für gut 5 Stunden normale Arbeiten reicht. Der normale Modus wurde vom Vorführfahrer auch mal gezeigt mit 20 km/h Endgeschwindigkeit und vor allem einer wahnsinnigen Anfahrbeschleunigung, die kein Verbrennungsmotor schafft.

Für mich das Ausschlusskriterium: Den Hoflader gibt es ausschließlich mit festem FOPS-Dach (falling object protection structure) und nicht mit einer klappbaren Variante. Somit hat der eine Gesamthöhe von 2,2 m und wir brauchen maximal 1,95 m um in den alten Stall fahren zu können.

Benjamin

Dienstag, 12. Mai 2020

Funktionales Exterieur

Das Exterieur ist das Äußere einer Kuh, ihr Körperbau. In den letzten Jahr(zehnt)en wird von den meisten nicht mehr ein bestimmtes Schönheitsideal angestrebt sondern das Funktionale Exterieur, das das Arbeiten der und mit der Kuh erleichtert soll. Dass sich z.B. das Melkzeug einfach ansetzen lässt oder gut zu Fuß ist. Im Gegensatz zu Fruchtbarkeit und Leistung kann man das Exterieur in wirtschaftlichen Zahlen schlechter bewerten.

Da ich nur Hobby-Statistiker bin, der nur Auswertungen mit Mittelwert und Standardabweichung macht habe ich mich drüber gefreut, dass Dr. Simon von der RBB in der aktuellen Blickpunkt Rind (gibt es hier online zu lesen) eine umfassende Auswertung zum Exterieur geschrieben hat.
Wirtschaftliche Bezugsgröße ist die Nutzungsdauer, welchen Einfluss die einzelnen Körpermerkmale darauf haben. Um die 64.000 Kühe die in Brandenburg im Exterieur eingestuft worden waren sind eingeflossen. Die neun Noten der einzelnen Merkmale wurden in vier Gruppen zusammengefasst und wie sich die Nutzungsdauer der Kühe dieser Gruppen vom Durchschnitt der Gesamtmenge unterschied. Die durchschnittliche Nutzungsdauer betrug 1.115 Tage (36,6 Monate)
Rot ist mehr als ein Monat schlechter, Grün mehr als ein Monat besser:

























Erklärung der Abkürzungen: GRÖ = Größe, MCH = Milchtyp, KTI = Körpertiefe, STÄ = Stärke, BNE = Beckenneigung, BBR = Beckenbreite, HWI = Hinterbeinwinkelung, KWi = Klauenwinkel, SGE = Sprunggelenk, HBST = Hinterbeinstellung, BEW = Bewegung, HEU = Hintereuterhöhe, ZBA = Zentralband, SPV = Strichplazierung vorne, SPH = Strichplatzierung hinten, VEU = Vordereuteraufhängung, ETI = Eutertiefe, STL = Strichlänge, BCS = Body Condition Score.
Näheres zur Linearen Beschreibung von Holsteinkühen gibt es beim Bundesverband Rind und Schwein.

Wieder mal hat sich dabei gezeigt, dass der "Kanadische Typ", die scharfe Schaukuh im Alltag nicht so viel bringt sondern mehr die mittelgroße Kuh ohne Extreme.

Schöner Vergleich dazu.
Auf der einen Seite Nr. 1001 Jasminka, die ehemalige Starkuh in Pinnow. Vom Zuchtwert als Jungrind in der Spitzengruppe der RinderAllianz, im Exterieur sehr hoch bewertet. Eine extrem große Kuh, die man unter 60 Kühen auf dem Karussell sofort heraus sah. Um die 1200 Tage Nutzungsdauer. Und dann lauter Nachkommen von ihr... (siehe Post vom 15.11.2014).
Und dann meine Braunie als mittelgroße, von der Statur eher zierliche Kuh mit einem sehr jugendlichen Euter. Über 1600 Tage Nutzungsdauer. Von der Lebensleistung auch deutlich besser.

Benjamin

Freitag, 8. Mai 2020

Die Kuhlänge

Keine Sorge, ich bin nicht unter die Zecken gegangen. Heute Abend war ich auf dem Heimweg erstmals seit der Maskenpflicht beim einkaufen und spaßeshalber mal die Kapuze aufgesetzt und dann ist es Alan-Walker-Style. Wobei der aber nicht die schicken Melkhandschuhe trägt.

Darkside sind die schwarzen Flecken der Kühe:


























In der Landwirtschaft sind wir mit dem Seuchenschutz in einer wirklich komfortablen Situation, die uns die Umsetzung im Alltag leicht macht: Wir haben den eingebauten Sicherheitsabstand. 
Bei TopAgrar hieß es vor paar Wochen mal anschaulich eine Kuhlänge Abstand. Eine Kuh ist gut 2,5 m lang, passt also. 
Für 97 % der Arbeiten ist das leicht einzuhalten, als Ausnahmen fallen mir da gerade nur das Fangen von Kälbern und Geburtshilfe ein. 
Wenn die Kühe im Fressgitter stehen ist meist einer vorne und einer hinter den Kühen und bei Arbeiten im Stall auch mit größerem Abstand, weil bei der einzelnen Kuh immer nur einer gleichzeitig am Treiben ist (siehe Post vom 05.08.2019).

Benjamin

Dienstag, 5. Mai 2020

Ersatzohrmarken

Die Ohrmarken unserer Rinder halten nicht ewig. Ab und zu reißt mal eine ab, meistens im Fressgitter eingeklemmt und dann reißt der Dorn durch und die beiden Hälften fallen runter. Ausreißen aus dem Ohr kommt wirklich sehr selten vor, eher bei Kälbern, das sind dann die Schlitzohren.
Knapp 10 % der Ohrmarken gehen im Jahr verloren. Das ist bei den Ohrmarken von Allflex wie wir sie in Brandenburg haben; bei den Ohrmarken von Caisley wie es sie in anderen Bundesländern gibt soll die Verlustrate deutlich höher sein.

Wenn eine Ohrmarke verloren geht muss unverzüglich bei der zuständigen Stelle eine Ersatzohrmarke beantragt und wenn erhalten unverzüglich eingezogen werden. So steht es in der Viehverkehrsverordnung, § 27, Abs. 5. Die bei uns für die Tierkennzeichnung zuständige Stelle ist der Landeskontrollverband Berlin-Brandenburg in Waldsieversdorf.

Das unverzüglich ist so eine Sache. Es ist nur schwer nachzuweisen, wann genau eine Ohrmarke verloren ging und wann das bemerkt wurde. Zudem würde es bei mehreren hundert Rindern ziemlich ausarten, wenn man sobald man eine Ohrmarke als fehlend erkannt hat Ersatz bestellt. Da hätte man jede Woche mehrere Briefe.
Ich mache das als "chargenweise" und bin damit bisher immer gut gefahren. Wenn das Veterinäramt da war oder bei Audits z.B. für QM Milch und beim Gang durch den Stall ganz unauffällig nebenbei nach fehlenden Ohrmarken gesucht wurde hieß es immer "Es fehlen nur wenige Ohrmarken, Sie haben das im Griff, bleiben Sie dran!"

Man braucht da ein striktes System dafür. Uwe und ich hatten da zu Beginn unserer Pinnower Zeit ein ziemliches Durcheinander geerbt. Es war nie aufgeschrieben worden, welche Ersatzohrmarken bestellt worden waren und daher auch viele doppelt. So hatten einige Kühe dann drei Ohrmarken und eine sogar vier. Dazu noch ein ganzer Haufen Ohrmarken die über waren, aus denen habe ich dann die Schlüsselanhänger gemacht (siehe Post vom 26.07.2019). 
Ich hatte dann eine Excel-Tabelle eingeführt wo die Kühe und die zugehörigen Ohrmarkennummern drin stehen und farblich hinterlegt sind für den "Status": rot- fehlt, orange - Ersatzohrmarke bestellet, gelb - Ersatzohrmarke angekommen, grün - Ersatzohrmarke eingezogen.

Zuerst werden meist zwei Tage lang fehlende Ohrmarken aufgeschrieben. Vorzugsweise bei der Trächtigkeitsuntersuchung wenn man viele Kühe auf einmal im Fressgitter hat oder prinzipiell immer beim jährlichen Bluten für die Paratuberkulosesanierung weil man da alle sieht.
Dann werden beim Landeskontrollverband die Ersatzohrmarken bestellt. Das geht zur MQD in Güstrow, dem gewerblichen Teil des LKV Mecklenburg-Vorpommern, der auch die Ersatzohrmarken für Brandenburg herstellt.
Wenn die Ohrmarken angekommen sind wird erstmal auf die Innenseite die Stallnummer geschrieben, dass man weiß zu welcher Kuh die gehört. Die Kühe werden in den darauffolgenden Tagen nach den Melkzeiten aussortiert und die Ohrmarken eingezogen.
Sind (fast) alle Ohrmarken eingezogen beginnt es wieder von vorne. Fast nur deshalb, weil z.B. eine trockenstehende Kuh würde nicht extra von der Koppel geholt werden sondern bis zum Transensortierten gewartet.

Die Bestellung beim Landeskontrollverband machte ich zunächst per Fax bis ich dann irgendwann rausgefunden hatte dass das auch im HIT geht.

HIT ist das Herkunftssicherungs- und Informationssytem für Tiere. Das ist die zentrale Datenbank für alle Nutztiere in Deutschland, mit allen Bewegungen, Geburten, Abgängen usw. Ein Rind braucht zwei Ohrmarken und eine Pass, das kann nicht einfach über die Grenze kommen und sagen, dass es seinen Pass verloren hat und sein Alter nicht weiß.
Das gesamte HIT wird vom bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF) für alle Bundesländer geführt. Die waren wahrscheinlich damals am weitesten gewesen damit und da haben sich die anderen Länder drangehangen. Das HIT gibt es seit 1999 und dieses Alter merkt man deutlich an der umständlichen Bedienung. Da bin ich schon froh drüber, dass im HERDE die ganzen Meldungen (Geburt, Verkauf usw.) automatisiert im Hintergrund mitlaufen.

So sieht es dann aus beim Bestellen von Ersatzohrmarken:

Benjamin


Freitag, 1. Mai 2020

Aktuelle Statistiken

Man merkt schon, dass die Leute mehr Zuhause sind denn die Leserzahlen des Kuhblogs haben sich in den letzten Wochen um rund 20% erhöht.

Dabei waren in den Statistiken wieder einige interessante weitergeleitete Suchbegriffe, die ich eindeutig Posts zuordnen konnte:
- Güllebad - Welchen Hintergedanken auch immer der Suchende dabei hatte... Raus kam dann zumindest der Post wie ich ein Kalb aus dem Gülleabwurfschacht in Garlin gerettet habe. Siehe Post vom 25.11.2016.
- Milchautomat C. Schmidt. Wenn man nach Christians Milchtankstelle sucht kommt man ab und zu auch zum Kublog. Siehe Post vom 09.09.2017. Jetzt hat er einen Nachfrageanstieg wie allgemein bei Trinkmilch, aber im Gegensatz zu Molkereien und Supermärkten konnte er schnell darauf reagieren.
- Wieviel frisst eine Kuh. Ein Klassiker bei den Suchanfragen, in verschiedenen Formulierungen. Dazu habe ich schon mehrere Posts geschrieben: 10.12.2015, 08.09.2019, 30.01.2020, 03.02.2020.
- DeLaval HDHB. Abkürzung für Heavy Duty Herringbone, einem Melkstandtyp von DeLaval, der ursprünglich von Germania entwickelt wurde. Ist ein besonders robuster Fischgrätenmelkstand aus Edelstahl für den Betrieb rund um die Uhr. Einen solchen hat die Agrargenossenschaft Zarnekow; Post vom 22.08.2016.
- Trocken-TMR. Bezieht sich auf die Kälber-Trocken-TMR, eines meiner Lieblingsthemen. Posts vom 13.03.2016, 14.04.2016, 01.08.2016, 10.11.2017, 30.06.2019.
- Neulewin Kühe. Weitergeleitet wurde da zu den Posts vom 24.02.2015 und 25.02.2015, als ich bei der Agrarproduktion Oderbruch in Neulewin war, wo die Tierarztpraxis Stumpe und Idexx einen Workshop zur Trächtigkeitsuntersuchung über das Blut veranstalteten. 
- Röhrenfetotom Thygesen. Gleich vier mal! Da wollte jemand unbedingt was darüber wissen und kam immer wieder bei dem Post (siehe 26.08.2019) raus, wo ich im Kälberstall ein altes Fetotom gefunden hatte.
- Braunvieh einkreuzen. Den Suchbegriff gab es auch schon öfter und ich habe auch mal was dazu geschrieben; siehe Post vom 16.12.2019.

Benjamin

Dienstag, 28. April 2020

Rapsblüte 2020

Wie jedes Jahr gibt es im Kuhblog ein Foto von der Rapsblüte. Dieses Jahr hat der Rapsanbau weiter abgenommen, durch die Dürre im Sommer waren die Aussaatbedingungen schlecht und die Verbote im Pflanzenschutz hatten die Vorzüglichkeit schon in den letzten Jahren stark geschmälert.

Das Foto ist vom letzten Freitag, den 24.04.

Der Vergleich zu den letzten Jahren, wann ich anhand der Fotos ähnliche Entwicklungsstadien als erreicht schätze:
2014: 22. April (siehe Posts vom 09.04.2014 und 25.04.2014)
2015: 8. Mai (siehe Posts vom 29.04.2015 und 08.05.2015)
2016: 4. Mai (siehe Post vom 05.05.2016)
2017: 30. April (siehe Post vom 13.04.2017)
2018: 7. Mai (siehe Post vom 09.05.2018)

2019: 21. April (siehe Post vom 15.04.2019)
 

Benjamin


Sonntag, 26. April 2020

Agrarkarrieretag 2021

Da mache ich hier im Kuhblog schon Werbung für den Agrarkarrieretag 2021 der TH Bingen.
In der aktuelle Situation kriegt man nicht so viel mit hier in der brandenburger Provinz, die Landwirtschaft ist nicht downlocked und so geht es im Alltag den normalen Gang. 
Aber außenrum merke ich es schon, das was ich gerne als "draußen rumziehen" bezeichne und im Kuhblog auch drüber berichte; die Veranstaltungen und meine Exkursionen. Da ist seit nun sechs Wochen gar nichts mehr und bisschen langweilig ist es schon.
Am Freitag wäre der Agrarkarrieretag der Technischen Hochschule Bingen gewesen, der aber auch Ende März schon abgesagt wurde.
Der Agrarkarrieretag soll den Studenten Berufsmöglichkeiten im Agrarbereich aufzeigen. Dort war ich noch nie gewesen, erstmals fand der glaube 2014 statt, also nach meiner Studienzeit.
Dieses Jahr kam auch eine Ankündigung an die Ehemaligen ob mancher nicht einen Vortrag über seinen beruflichen Werdegang halten will und danach noch ein gemütliches Zusammensein. Die Hälfte der Vorträge waren für Organisationen und Verbände vorgesehen und die anderen Hälfte für Absolventen. Da von meinen Kollegen auch viele in die vorgelagerte Industrie gegangen sind, dachte ich mir, da bin ich schon fast ein Exot und könnte super Werbung für die praktische Landwirtschaft, die Milchviehhaltung und die neuen Bundesländer machen. Ein zehnminütiger Vortrag ist nicht lange, zwei Stunden kann ich auch drüber reden und ich hatte den im Kopf schon fertig ausgearbeitet.
Mit drei Monaten Vorlaufzeit war es auch schon organisiert, dass ich für zweinhalb Tage runter in die alte Heimat fahre und am nächsten Morgen noch zum üblichen Melken auf meinem Stammbetrieb Hofgut Neumühle bin...
Habe mich sehr darauf gefreut und tja, dann im nächsten Jahr.

Benjamin

Dienstag, 21. April 2020

60 Gigawatt

60 Gigawatt sind 60 Milliarden Watt. Soviel speisten die Solar- und Windkraftanlagen in Deutschland heute Mittag gleichzeitig ins Stromnetz ein.
Zwischen 11:45 und 12:00 Uhr waren es durchschnittlich 59.492 Megawatt (59,5 GW), von mir geschätzt vielleicht so 80 % des deutschen Strombedarfs. Danach wurden sukzessive einige tausend Windräder abgeschaltet, weil die unflexiblen Kohlekraftwerke ihre Leistung nicht weiter absenken konnten wo so viel günstiger Strom verfügbar war. Die Prognose waren von 66 - 67 GW ausgegangen.
Heute traf hohe Wind- und Solarstromerzeugung zusammen: Im April steht die Sonne zwar noch nicht so hoch wie in den Sommermonaten, es ist aber meist sonnig und die Temperaturen noch niedriger, was einen besseren Wirkungsgrad ergibt. Und es war windiger als die letzten Wochen.
Zusammen gab es dann den neuen Rekord.

Die Erneuerbaren Energie gehören für mich persönlich schon immer dazu, in meiner alten Heimat im südlichen Rheinhessen gab es 1992 die ersten Windräder und einer der Nachbarn hatte schon Ende der 1980er eine Solaranlage.

Auch die Verbindung zur Landwirtschaft. Kühe und Stromerzeugung passen gut zusammen: Auf den Äcker und Wiesen auf denen das Futter wächst haben auch Windräder Platz, auf den Stalldächern Photovotaikanlagen und die Gülle kommt in Biogasanlagen.
Im Landwirtschaftlichen Bereich hatte ich auch von Anfang an mit erneuerbaren Energien zu tun, mein Stammbetrieb Hofgut Neumühle hat seit 1988 Photovoltaikanlagen, die erste damals im Rahmen eines Projektes des westdeutschen Forschungsministeriums.
Später dann in Boberow mit Biogas seit 1996, mit Mitteln des Aufbaus Ost gefördert und von der Genehmigung noch mit gewöhnlichem Heizöl für die Zündstrahlmotoren (siehe auch Post vom 29.07.2013).

Symbolfoto für Windkraft, ein Enercon E-141 EP4 (4,2 MW) in Rheinhessen:

























Und als zweites Symbolbild meine Gisela vor dem großen Stall in Pinnow mit Photovoltaikanlage auf dem Dach:

Benjamin




















Nachtrag von 24.04.: Ich habe tatsächlich noch ein Foto von der ersten Photovoltaikanlage auf der Neumühle gefunden. Auf der oberen Neumühle neben dem damaligen Kuhstall. Im April 2008 war da nur noch das Gestell übrig; wann die Module demontiert wurden weiß ich nicht und ob die an der Solaranlage am Getreidelager weiterverwendet wurden. Der Container kam als Büro 2010 an den Schweinestall.

 

Donnerstag, 16. April 2020

Aus Zweihörner mach Keinhörner

"Ponys sind enthornte Einhörner" - frei nach meiner Nichte.
Der Onkel ist da aber cooler und enthornt Zweihörner, gestern waren es gleich mal 18 Stück. Und 8 waren von Natur aus Keinhörner.

Nach der Elektrogeräteprüfung letzte Woche wegen der das Enthornen mangels Ausrüstung verschoben werden musste hat der Brennstab am Griffstück nun einen Prüfaufkleber.

Für mich ist das als sensibles Thema Chefaufgabe, dass es richtig gemacht wird und ich auch mit mir selbst unzufrieden sein muss wenn später dann doch mal Hörner wachsen sollten.

Enthornen ist praktizierter Tier- und Arbeitsschutz!

Benjamin



Montag, 13. April 2020

Paratuberkulose-Sanierung - Teil 2

Im zweiten Post zur Paratuberkulosesanierung geht es um meine Vorgehensweise und Erfahrungen dazu.

Einmal im Jahr werden alle Kühe und tragende Färsen geblutet. Zunächst wurde Paratuberkulose bei der Untersuchung auf BHV1 (Bovines Herpesvirus) mitgemacht, seit das bei der Milchkontrolle aus der Milch gemacht werden kann nur noch für Paratuberkulose alleine.
Das findet fast schon traditionell am gefühlt kältesten Tag des Jahres statt und danach müssen noch die ganzen Untersuchungsanträge mit den Barcodes der Probenröhrchen beklebt werden. (Siehe auch Posts vom 25.11.2014; 28.11.2016 und 27.11.2018).
Die Proben werden gehen ins Landeslabor nach Frankfurt und werden dort mit einem ELISA-Test untersucht, der die Paratuberkulose-Antikörper im Blut nachweist.

Da wegen der Eigenarten des Erregers nicht alle Trägertiere gefunden werden können gibt es auch falsch-negative und fragliche. Daher gilt für die Sanierung und das Management: Einmal Para-TB immer Para-TB und fraglich ist wie positiv.
Als erstes dann werden die postiven Tiere im Herde markiert. Unter betriebsspezifischen Kennzeichen (kurz BSK) wo auch z.B. die dreistrichigen Kühe gekennzeichnet sind. Dazu noch rot hinterlegt, dass es sofort ins Auge springt.
Damit habe ich die Info auch immer im Herde mobil auf dem Handy dabei und auf der Liste zum Sortieren der Trockensteher (Transensortieren) ist auch eine Spalte "BSK6" dabei, wo dann das "Para-TB!" bei den jeweiligen Kühen steht. Da weiß ich dann, dass sie in die separate Abkalbebox für die Para-TB-Kühe (Paratransen) müssen und kann auch gleich kontrollieren ob sie noch die Markierung direkt am Tier noch volständig haben:




















Im rechten Ohr sind sie mit einer roten Ohrmarke mit der Aufschrift "Para-TB" markiert. Immer rechts, dass es einheitlich ist und man immer nur auf das rechte Ohr achten muss. Rechts deshalb, weil das linke Ohr die Pinnower Kühe für den Transponder schon belegt hatten (vgl. Post vom 07.05.2015). Die kleinen Ohrmarken reißen auch deutlich seltener ab als die Lebendohrmarken, sie bieten nicht so viel Angriffsfläche um damit hängen zu bleiben:





















Am inken Hinterbein (auch wieder einheitlich) sind die Para-TB-Kühe mit einem gelben Plastik-Fesselband gekennzeichnet damit man beim Melken sofort sieht, dass die Kuh nicht in die Kanne für Tränkemilch gemolken werden darf. Auch wenn das Foto im Fischgrätenmelkstand aufgenommen wurde ist der Grund wieder das Karussell, wo man das links Bein zuerst sieht wenn die Kuh von rechts gefahren kommt:




















Die Para-TB-Kühe haben eine extra Abkalbebox bekommen und gehen nach dem Kalben nicht in die Frischmelkergruppe sondern in die Euterkrankengruppe bis die Kolostralmilchsperre abgelaufen ist und sie in den Tank gemolken werden dürfen.
Die Kälber bekamen zunächst nur die Milch ihrer Mutter zu saufen, bzw. bei einer Para-TB-Kuh von einer anderen. Nachdem sich die ersten Erfolge der Sanierung abzeichneten habe ich dieses System Mitte 2017 aufgegeben und eine Kolostrumbank angelegt, weil ich die Vorteile der schnelleren Kolostrumversorgung höher einschätzte als das Restrisiko einer Infizierung.

Alle Para-TB-Kühen werden mit Weißblauen Belgieren besamt, dass die Kälber in die Mast kommen und nicht zur Nachzucht genommen werden.

Die bisherigen Resultate der Sanierung: 
Die Infizierung von Kälbern mit Paratuberkulose konnte um 99% reduziert werden. Es waren absolute Einzelfälle wo etwas schiefgelaufen war. 
Positive Kühe die nicht tragend sind und Durchfall bekommen, der nicht mit der Pansenverdauung zusammen hängt gehen zeitnah zur Schlachtung bevor es schlimmer wird.
Über die Jahre hat sich gezeigt, wie sehr viel krankheitsanfälliger die positiven Kühe sind. Einerseits sind beim Bluten im Jahr darauf nur noch als gut die Hälfte der Para-TB-Kühen im Bestand, bei den negativen Kühen sind es so 70 - 75% und andererseits in der Euterkrankengruppe sind die Para-TB-Kühe gemessen an ihrem Anteil in der Herde überproportional häufig vertreten. Das erkennt man gut an den roten Ohrmarken wen sie nebeneinander im Fressgitter stehen.

Auch wenn die ganze Paratuberkulosesanierung bis zur Anerkennung als freier Bestand locker mal zehn Jahre dauert ist sie sehr zu empfehlen, weil die einzige wirksame Maßnahme gegen so eine fiese Krankheit.

Benjamin

Freitag, 10. April 2020

Paratuberkulose-Sanierung - Teil 1

Eigentlich wollte ich über das gestrige Enthornen schreiben, aber das musste auf nächste Woche verschoben werden weil der Brennstab eingesammelt worden war für die jährliche Überprüfung der Elektrogeräte.

Ein anderes aktuelles Thema ist der Abschluss der Paratuberkulosesanierung. Da nicht mehr viele Trägertiere im Bestand sind dachte ich man könnte den Schritt gehen jetzt alle wegzuschlachten. Aber bis auf drei sind alle tragend oder haben noch viel Milch.

Schon meine ganze Laufbahn als Herdenmanager ist die Paratuberkulosesanierung ein wichtiger Teil. Angefangen hat es im Herbst 2013 mit dem Sanierungsbeginn in Boberow, wo es ein Förderprogramm des Landes Brandenburg gab.

Paratuberkulose wird durch das Bakterium Mycobacterium avium ssp. paratuberculosis verursacht, das mit Tuberkulose verwandt ist. Kurzform Para-TB oder PTB und ganz kurz im Alltag Para.
Nach der Wende als es mit der Biosicherheit nicht mehr so ernst genommen wurde ist der Erreger über Viehzukäufe aus Westdeutschland eingeschleppt wirden und hat sich seitdem ausgebreitet.
Die Infektion erfolgt innerhalb des ersten Lebensjahrs und setzt sich im Körper fest, die Erreger werden unregelmäßig ausgeschieden und die Krankheit an sich bricht erst viel später aus. Hatte es noch nie bei einer Kuh unter vier Jahren gesehen und manchmal auch erst nach zehn Jahren und bei vielen auch gar nicht.
Die Krankheit kann man als "tödlichen Durchfall" bezeichen, sie zerstört die Darmschleimhäute, sodass bei normaler Futteraufnahme die Nährstoffe irgendwann nicht mehr aufgenommen werden können. Die Kuh magert dann rapide schnell ab bis sie quasi verhungert. Das deutlichste Zeichen ist der Durchfall, fast wässrig mit Luftblasen und einem säuerlich-stechenden Geruch.

Eine Sanierung ist sinnvoll, weil sich Paratuberkulose in der Herde ausbreitet und es keine Behandlungsmöglichkeit gibt. Die Trägertiere sind statistisch in der Leistung und Gesundheit schlechter und wenn es mal ausgebrochen ist sind das Schlachtkühe mit nur noch minimalem Erlös, das ist der offensichtlichste Verlust bei Paratuberkulose.

Übertragungswege sind über Milch und Kot von infizierten Kühen.
Ziel ist es die Kälber vor Infektionen zu schützen; da ist die Paratuberkulosesanierung ein Paradebeispiel für die Biosicherheit.
Im Leitfaden Biosicherheit in Rinderhaltungen der Landwirtschaftskammer Niedersachsen gibt es einen extra Anhang zu Paratuberkulose.

Maßnahmen:
- Zuerst die Trägertiere finden durch jährliche Untersuchung aller Rinder über 24 Monate
- Güllesysteme Kühe und Jungvieh trennen, in unserer Größenordnung schon üblich
- kein Dreck von Kühen zu Jungvieh verschleppen (Stiefel!)
- Hygiene bei der Fütterung 
- Positive Kühe getrennt abkalben lassen; es darf keine positive Kuh dorthin koten wo andere Kühe abkalben
- Kolostrum nur von der Mutter, bei positiver Mutter von negtaiven Kühen
- keine positiven Kühe ins Mischkolostrum melken, Tankmilch vor dem Tränken pasteurisieren
- Kälber von positiven Kühen nicht als Nachzucht nehmen
- wann unter 3% im Bestand gedrückt die restlichen Trägertiere wegschlachten und danach alle neuen Fälle

Fortsetzung folgt!

Benjamin

Dienstag, 7. April 2020

Gemütlich daheim

Hatte ich es doch schon länger geplant an meinem Geburtstag morgens auf meinen Stammbetrieb Hofgut Neumühle zu fahren für zwei drei Stunden zum Melken. Das hatte ich als so zu Zeiten des Studiums gemacht und finde ich mittlerweile eine entspanntere Alternative zum Start in den alltäglichen Wahnsinn daheim. Da kann man dann vor dem Frühstück schon Feierabend machen und abends im Kuhblog noch einen Post schreiben was es so Neues aus Braunies Familie gibt.

Dieses Jahr ist es halt alles anders und wie im letzten Post schon geschrieben der Urlaub in der alten Heimat abgesagt, auch wenn die Situation zumindest von Seiten der Arbeit entspannt ist. 
Da gibt es wirklich nicht viel über den heutigen Tag zu berichten.

Nachmittags erst Kuchen backen; kriegen die Kollegen jetzt was davon ab. Leider ohne Sahne... weil weggehamstert! Soviel zur einbrechenden Nachfrage wie man uns erzählen will. Zumindest 300 ml Milch und 400 g Butter sind drin:




















Ansonsten das Handy nicht mitgenommen, dass einen die Telekom nicht tracken kann und bei dem herrlichen Wetter im Feld spazieren gegangen. Rehe beim Abendessen - Gerste gabs - an fast der gleichen Stelle wie auf dem Foto im Post vom 24. Januar:




















Die Tage gibt es dann wieder mal was mit Kuhbezug.

Benjamin

Samstag, 4. April 2020

Der Frühling ist da

Nachdem es letzte Woche noch vier Nächte mit Frost bis zu - 7 Grad gegeben hatte - kälter als der ganze restliche Winter - ist jetzt endlich der Frühling da.
Eigentlich wäre ich jetzt zum Urlaub in der alten Heimat mit vollem Programm wer alles zu besuchen ist, da das nun ausfällt genauso wie Exkursionen für die nächste Zeit geht es am freien Wochenende dann nur zum Spazieren in Feld und Flur. In den leeren Ecken Brandenburgs kann man da 2 km Abstand einhalten.

Typisches Foto; Kiefern und Sand:



















Die Bienen fliegen auch schon, haben sie trotz der Landwirtschaft den Winter überlebt...



















Die Gräben sind nach den Regenfällen im Winter wieder gefüllt, im Unterboden ist es aber trotzdem immer noch zu trocken und im Oberboden mittlerweile auch schon wieder:



















Und Ostern steht vor der Tür. Davon wird man nicht so viel mitbekommen. Normalerweise steht dann draußen die Welt still und nur die Landwirtschaft läuft normal weiter, dieses Jahr haben wir diesen Zustand auch so seit drei Wochen.
Das Osterfeuer wird wegen Versammlungsverbot ausfallen, nachdem es schon 2019 wegen der Waldbrandgefahr untersagt war und der Haufen dann noch am 2. Oktober abgebrannt wurde:

Benjamin

Sonntag, 29. März 2020

1. Weg für Mikesch

Heute geht es im Kuhblog mal wieder um das Drumherum und zwar über Katzen und Schweine.

Mikesch ist ein kleiner Kater aus dem Kälberstall und hatte am Mittwoch das Pech unserem Tierarzt über den Weg zu laufen und nun ist er kein richtiger Kater mehr.
Das war aber schon länger geplant. Seine drei Wurfgeschwister wurden abgegeben und haben eine außerlandwirtschaftliche Zukunft gefunden. Er blieb zurück und da er sehr anhänglich wurde und keinerlei Anstalten machte ins Dorf abzuwandern sollte er kastriert werden. Zum Fruchtbarkeitsmanagement gehört es auch dazu die Vermehrung der Katzen im Griff zu haben.

Die Operation wurde vor Ort gemacht, weil bei einem Kater wäre das nicht so kompliziert. Daher mein Vergleich mit einem Ferkel.
Jetzt geht es im Kuhblog mal über Schweine, schließlich ist die Schweineproduktion nach der Milchproduktion der wichtigste Bereich der deutschen Landwirtschaft.
Männliche Ferkel werden kastriert, weil geschlechtsreife Eber Hormone ins Fleisch einlagern was dann zum Ebergeruch führen kann.
Ich habe noch das Ferkelkastrieren ohne Betäubung gelernt, aber im Studium ging es dann schon um die Kastration mit Betäubung, so alt ist das Thema bereits. Ab 1. Januar wird die betäubungslose Kastration nicht mehr erlaubt sein.

Fünf "Wege" gibt es dafür, wobei die bis auf die letzten beiden nicht eindeutig durchnummeriert zu sein scheinen:
1. Weg. Kastration unter Vollnarkose. Entweder als Injektionsnarkose per Spritze oder Inhalationsnarkose mit den Gas Isofluran. Das ist die teuerste Variante und hat die höchsten Verluste zu Folge von Ferkeln die nicht mehr aufwachen. Zudem kann das Gas gesundheitsschädllich sein.
2. Weg. Immunokastration. Die Eber bekommen einige Wochen vor der Schlachtung einen Impfstoff durch den das Immunsystem angeregt wird die Sexualhormone auszuschalten, damit werden sie vom Hormonstatus wie kastrierte Eber. Die Schlachtunternehmen wollen solche Schweine aber nicht.
3. Weg. Ebermast. Die Eber werden nicht kastriert und vor dem Erreichen der Geschlechtsreife mit rund 85 g geschlachtet. Sie passen aber nicht in das System des 120kg-Standardschweins auf das alles abgestimmt ist (bis hin zu den Fleischkisten) und die Schlachtunternehmen wollen sie auch nicht so recht.
4. Weg. Kastration unter Lokalanästhesie. Diese Methode ist in Schweden seit vielen Jahren bewährt. Mit diesem Weg sind eigentlich alle zufrieden, bloß nicht die Politik und die Lobbyisten der Tier"schutz"organisationen.
5. Weg. Eher ironisch gemeint für die Einstellung der Ferkelproduktion, was die am häufigsten gewählte Variante als Alternative zu den ersten dreien sein wird.

Zwei Tage lang war er beleidigt, jetzt ist alles aber wieder in Ordnung:

Benjamin 


Donnerstag, 26. März 2020

Tränkekurve

Da am Wochenende das Exkursionsprogramm ausfallen musste habe ich angefangen aus meinen ganzen über die Monate aufgeschriebene Tränkeaufnahmen der Kälber eine Tränkekurve der tatsächlich gesoffenen Mengen zu erstellen.

Die Tränkedauer beträgt 93 Tage, bis zum 58 Tag ad libitum, was aber am Tränkeautomat nicht einzustellen geht und daher habe ich das auf 20 Liter programmiert. Im Datensatz sind keine dabei, aber ab und zu hatte ich schon Kälber die das ausgeschöpft haben.
Vom 58. bis 93. Tag wird dann abgetränkt von 20 auf 2 Liter.
58 Tage sind mit dem Hintergrund gewählt, dass erst mit 8 Wochen Alter die Vormägen so weit entwickelt sind, dass die Kälber Festfutter richtig verdauen können. 

Durchschnittlich saufen die Kälber 747 kg Milch bzw. Milchaustauscher, die Bandbreite dürfte da zwischen 500 und über 1.000 kg liegen. Auf die Inhaltsstoffe gerechnet sind es 101 kg Trockenmasse. Das ist für mich wichtig, dass es mehr als das Dreifache der 32 kg ist, die wir im Studium als abschreckendes Beispiel für die restriktive Tränke mit einem Absetzalter von 56 Tagen.

Benjamin