Samstag, 17. April 2021

Neuer RZG

Aktuelles Thema in der Rinderzucht ist die Einführung des neuen Gesamtzuchtwerts RZG (Relativzuchtwert gesamt). Der wurde vom Bundesverband Rind und Schwein (BRS) nach 13 Jahren überarbeitet, um vor allem den Entwicklungen und Möglichkeiten durch die genomische Zuchtwertschätzung Rechnung zu tragen. Seitdem waren nur kleine Änderungen vorgenommen worden wie 2015 die Neuanpassung der Bewertung von Fett- und Eiweißprozenten. Weil die Milchquote eine Fettquote war wurde das Milchfett extrem unterbewertet, da es mit den verbundenen hohen Quotenkosten in der Produktion viel teurer war als das Milcheiweiß. 2018 wurde der Relativzuchtwert Nutzungsdauer (RZN) auf ein neues Berechnungsmodell umgestellt.

Letztes Jahr wurde der RZ€ eingeführt (siehe auch Post vom 24.08.2020), damit wurde für mich der RZG eigentlich überflüssig, weil der RZ€ absolut ausreicht um gesunde und dadurch auch wirtschaftliche Kühe zu züchten. Aber in dem ist das Exterieur (RZE) nicht enthalten, weil unter 1% Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit (hier beim vit nachzulesen auf S.23 u. 24). Aber es gibt in der Züchterschaft einflussreiche Kreise die gedanklich im 19. Jahrhundert hängen geblieben sind wo es nur nach dem Aussehen der Kühe ging und die auch weiterhin den RZE im Gesamtzuchtwert haben wollen.

Alter RZG mit den Merkmalsanteilen:
45 % Relativzuchtwert Milch (RZM)
20 % Relativzuchtwert Nutzungsdauer (RZN)
10 % Relativzuchtwert Fruchtbarkeit (RZR)
7 % Relativzuchtwert Zellzahl (RZS) als Hilfsmerkmal für die Eutergesundheit
3 % Relativzuchtwert Kalbeverlauf (RZKm)
15 % Realivzuchtwert Exterieur (RZE)

Neuer RZG mit den Merkmalsanteilen:
36 % Relativzuchtwert Milch (RZM)
18 % Relativzuchtwert Nutzungsdauer (RZN)
18 % Relativzuchtwert Gesundheit (RZGes)
7 % Relativzuchtwert Fruchtbarkeit (RZR)
3 % Relativzuchtwert Kalbeverlauf (RZKd/m)
3 % Relativzuchtwert Kälberfitness (RZKälberfit)
15 % Realivzuchtwert Exterieur (RZE)
 
In der Werbung wird jetzt groß betont, dass die Milchleistung in der Zucht weniger gewichtet wird und dafür die funktionellen Merkmale noch stärker.
 
Wenn man sich dagegen den RZ€ anschaut:
41 % Relativzuchtwert Milch (RZM)
27 % Relativzuchtwert Nutzungsdauer (RZN)
16 % Relativzuchtwert Gesundheit (RZGes)
7 % Relativzuchtwert Fruchtbarkeit (RZR)
3 % Relativzuchtwert Kalbeverlauf (RZKd/m)
6 % Relativzuchtwert Kälberfitness (RZKälberfit)  
merkt man, dass die "Unterbringung" des Exsterieurs im RZG vor allem auf die Kosten der Nutzungsdauer und der Kälberfitness geht und bisschen auf die Milchleistung.

Weitere Infos zu RZG, RZ€ und RZGesund auf www.richtigzuechten.de

Übersichtsgrafiken zur Zusammensetzung von RZG:
 

 






 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
...und RZ€:

Benjamin
 


 

Dienstag, 13. April 2021

Virtuelle Stallbesichtigung

Am Wochenende hat August vom Kuhstallbaupodcast seinen virtuellen Tag des offenen Hofes veranstaltet, weil coronabedingt das Hoffest zur Einweihung seines neuen Kuhstalls ausfallen musste. Für mich eigentlich von Vorteil, denn der äußerste Südosten ist für mich ziemlich weit abgelegen. Obwohl ich irgendwann auch mal wirklich live hin will, so perspektivisch etwa zur "Kuhblog-Sommertour 25".
Es war sehr interessant zu sehen was aus der Stallbaustelle geworden ist, die auch lch über ein Jahr alle zwei Wochen verfolgt habe und er umfassend einzelne Bereiche erklärt hat und die Wege und Begründungen für ihre Entscheidungen, was man immer auch nachvollziehen konnte und ich trotzdem fast immer zu anderen gelangt wäre.
Man konnte sich durch den ganzen Stall bewegen, mit an die 50 zoombaren 360°-Fotografien, Infotexten und 18 Videos von zusammen 90 Minuten Laufzeit, in denen einzelne Bereiche näher erklärt wurden. Richtig aufwändig und professionell gemacht, absoluter Vorbildcharakter, da wurde die Messlatte für virtuelle Stallerundgänge kräftig angehoben! 

Der Stall wurde nur für die melkenden Kühe gebaut, die Trockensteher und frisch abgekalbten Kühe bleiben mit einem Teil des Jungviehs im bisherigen Kuhstall. Der bisherige Melkstand, ein 2x2+1 Autotandem wird als Repromelkstand weiterbetrieben, weil man den mit über 30 Jahren Alter nicht mehr weiterverkauft bekommt. Auto-Tandem-Melkstände sind außerdem wegen dem Platzbedarf und den längsten Laufwegen aller Melkstandtypen unüblich geworden. Zum Melken lernen aber das Beste (vgl. Post vom 28.04.2018).
Der neue Stall ist ein 2-Reiher mit außenliegendem Futtertisch. Die Boxen sind wandständig angeordnet, auch bekannt als tail-to-tail. Quasi ein Dreireiher bei dem die Boxenreihe am Fressgang fehlt. Gegenteil ist die Variante mit gegenständigen Boxen, face-to-face, wie ein Dreireiher bei dem die dritte Reihe an der Stallaußenseite fehlt. Die wandständigen Boxen haben den Vorteil, dass paar Plätze mehr möglich sind und der Fress- und Liegebereich klar getrennt sind. So können die Kühe nach dem Melken gleich fressen solange die Liegeboxen noch gesäubert und eingestreut werden:
 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Der Stall ist komplett freitragend ohne Stützen im Innenraum, inspiriert vom L203 (siehe Post 09.01.2017) und deren vielfältigen Umbaulösungen und der damit verbundenen Langlebigkeit. Mit einer Stallbreite von nur knapp 19 Meter (L203: 21,25 m) ist das auch recht einfach umsetzbar:
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Der größte Unterschied zu uns in Brandenburg ist der Melkstand; ich hätte für die Herdengröße einen Doppel-Sechser Fischgräte veranschlagt. In Bayern empfiehlt die Offizialberatung seit Jahrzehnten, dass eine Melkzeit nur eine Stunde dauern soll, weil die Einzelbauern keine spezialiserten Arbeitspositionen haben und noch lauter andere Sachen machen müssen. So ist es ein Doppel-16er-Swing Over von Lemmer Fullwood geworden. Das Besondere dabei ist das Quick E-Frontgitter, bei denen die Kühe beim Schnellaustrieb nicht nach vorne rauslaufen sondern das ganze Gitter nach oben fährt und die Kühe dann zur Seite rauslaufen. Das dauert zwar länger als der klassische Schnellaustrieb spart aber mehrere Meter Baubreite. Dadurch ist der umbaute Raum, einer der größten Nachteile des Swing-Over, kaum größer als bei einem im Durchsatz vergleichbaren Melkstand mit voller Melkzeug-Bestückung und normalen Schnellaustrieb (Doppel-10er-Side-by-Side):
 
Benjamin 
 

 

Samstag, 10. April 2021

Kirschblüte

Für mich gehört zum Frühling in Rheinhessen die Kirschblüte dazu. Meine Eltern haben vor ihrem Haus eine stattliche Japanische Zierkirsche stehen; knappe 60 Jahre ist die alt. Die Blüte ist im April und sehr eindrucksvoll und hat daher in Japan als Ursprungsland eine große kulturelle Bedeutung. Deshalb hatte ich auch Sakura danach benannt, weil als letztes der Wagyus aus Embryotransfer im April geboren (siehe auch Post vom 11.05.2017).

Wie bei allen Pflanzen hat das Wetter den größten Einfluss auf den Zeitpunkt der Blüte. Im südlichen Rheinhessen ist die Vollblüte meist zwischen 10. und 20. April. Mitte letzter Woche mit bis zu 25 Grad dachte ich schon, dass ich es bis Donnerstag fast noch mitbekommen könnte, weil glaube letztmals hatte ich das 2011. Bloß nach Ostern Nachtfrost und auch tagsüber für April sehr kalt und windig und da haben die Blüten eine Pause eingelegt. So sahen sie vorgestern aus:

 



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch wenn es dieses Jahr nicht geklappt hat noch ein Archivfoto:

Benjamin


 

Donnerstag, 8. April 2021

Hausbau - Teil 2

Jetzt kommt der zweite Post zum Hausbau in der alten Heimat. In den aktuellen Zeiten ist ja nicht viel los und da war bei meinem Urlaub auch zum vierten Mal in Folge kein Besuch auf meinem Stammbetrieb Hofgut Neumühle möglich. Da war dann der Höhepunkt die Begehung der Baustelle, wo ich die wahrscheinlich erste wieder sehen werde wenn der Rohbau fast fertig ist.
Das Haus ist komplett weg inklusive Kellermauern und Fundamenten. Die Bodenbegutachtung hat ergeben, dass im linken Teil (in diesem Blickwinkel) der Untergrund nicht tragfähig genug ist. Dort wo das bisherige Haus nicht unterkellert gewesen war. Das hielt zwar 120 Jahre lang, könnte aber ein Grund für die Bauschäden gewesen sein. Jetzt kommt da eine Art Pfahlgründung unter dir Bodenplatte. Der Nachbar hat die Chance genutzt und seinen Keller auf der Seite gedämmt. Das hatte der Vorbesitzer und Erbauer nicht gemacht. 

Auf dem Foto mit der Freifläche kann man die ursprüngliche Aufteilung des Hofes erahnen. So in die klassische Varianten Zweiseithof/Dreiseithof usw. kann man es nicht einordnen. Im Uhrzeigersinn: An der Straßenseite war Zweidrittel das Wohnhaus, das in der Tiefe reichte wo am Nachbarhaus unverputzt ist. Der unten verputzte Bereich ist über dem ehemaligen eingeschossigen Anbau des Badezimmers Anfang der 1970er. Dahinter folgte unter dem schmalen verputzen Strifen der Schuppen bis zum Schleppdach, das auch so Anfang der 1970er errichtet wurde und erhalten bleibt. Hinten quer über die gesamte Grundstücksbreite die Scheune, Baujahr 1935. Ursprünglich war es nur Baujahr 1925 der Stall für 2 Pferde und 4 Kühe mit einem kleinen Pultdach darüber. Das ist alles rechts des Scheunentors. Danach war die Stalldecke der Heuboden und ein zweiter Heuboden wurde (auch später) über der mittigen Durchfahrt eingezogen. Auf der linken Seite ist unten drunter der Rübenkeller für die Futterrüben mit einem Boden aus gestampften Lehm. Wo auf dem Foto der Berg Pflastersteine liegt war vorher der Schweinestall (4 Plätze bis 200 kg+), darüber Hühnerstall, daneben auf der einen Seite zur Scheune hin die Ende der 1980er zugeschüttete Mistplatte, auf der anderen Seite das Plumpsklo und darunter die jetzt auch verfüllte Jauchegrube. Die Mistplatte wurde deshalb verfüllt weil das im südwestdeutschen Raum eine damals übliche Bauart war so 1,5 m in die Tiefe zu gehen für mehr Lagerkapazität. Da haben wir heute doch ganz andere Vorstellungen von Ergonomie und Arbeitseffizienz.

Benjamin 
 

 

Sonntag, 4. April 2021

Digitalisierung aktuell

Um die Digitalisierung in der Landwirtschaft wird ein großer Aufriss gemacht. Einmal als Betätigungsfeld für alle die nicht mit sondern an der Landwirtschaft ihr Geld verdienen und von der Politik als Allheilmittel für alle Probleme, die in Wirklichkeit auf die jahrzehntelange Fehlentwicklung "Weltrekordauflagen zu Weltmarktpreisen" zurückzuführen sind. Als Hindernisse werden die schlechte Mobilfunk- und Internetversorgung gesehen, kann man hier in der brandenburger Provinz tagtäglich nachvollziehen. Und Fr. Karliczek ist ja der Meinung, dass nicht jede Milchkanne 5G braucht, also wieder nur die Großstädte... Weiterhin die Missbrauchgefahr. Größte Bedenken dabei habe ich beim staatlichen Überwachungs- und Repressionsapparat, dass die begeistert die Daten abzweigen.

Abgesehen von dem großen Allgemeinen ist die Digitalisierung aber schon lange angekommen. Von Anfang an hatte ich mit digitalen Anwendungen zu tun. 2008 auf Hofgut Neumühle nicht direkt mit dem Herdenmanagementprogramm, damals sagte man eher noch Kuhplaner dazu, das dürfte schon Dairyplan C21 gewesen sein. Beim Kälberversuch (vgl. Post vom 13.03.2016) haben wir Praktikanten mit einer frühen Version des Förster Kalb Managers gearbeitet, wo die Hauptaufgabe war nachzuschauen ob alle 40 Kälber ihre 1,5 l-Portionen der sparsamen 6 l täglich zeitnah gesoffen haben. Später in Boberow dann mit Herde und mit Herde Mobil auf dem Handy immer alle Kuhdaten greifbar dabei zu haben im Stall. Mit Digistar zur Programmierung der Waage des Mischwagens und zum Auslesen der Mischprotokolle, dann Fernzugriff zwischen den einzelnen Büros hin und her sowie Internetanwendungen wie die HIT-Datenbank für Untersuchungsanträge oder Bestellen von Ersatzohrmarken (siehe Post vom 05.05.2020) oder das Netrind vom VIT. Auch wenn ich oft den Eindruck habe wir wären irgendwann im Papierzeitalter hängen geblieben so sind doch viele Arbeiten digitalisiert.

Wie ich jetzt in Urlaub in die Alte Heimat gefahren bin gab es einen Aha-Moment bezüglich dem Stand der Digitalisierung, im positiven Sinne. Seit paar Jahren gibt es im ICE WLAN. Schon praktisch, weil mobiles Internet bei der Fahrt durch die ganzen Funklöcher sehr instabil ist. Da ich während der Fahrt meistens schlafe, weil das der riesige Vorteil gegenüber dem Autofahren ist, habe ich das bisher nicht besonders viel genutzt. Aber jetzt mal um mit dem Laptop mal in die Verwaltung der Tränkeautoamten reinzuschauen. Da fährt man mit geschätzten 200 km/h durch die Landschaft und sieht nach, wieviel die Kälber zig 100 km weiter gesoffen haben - in Echtzeit:

Benjamin



Mittwoch, 31. März 2021

Abkalbebox - Teil 2

Als zweiter Teil über die Abkalbeboxen ein Beispiel aus der Praxis, das mir bisher am besten gefallen hat.  Damals habe ich eine Skizze des Grundrisses gemalt.:
















Am Futterband entlang liegt eine Vakuumleitung zum Kolostrummelken mit der Eimermelkmaschine und ganz komfortabel eine Wasserleitung die auf 40 Grad eingestellt ist. Da kann dann direkt in der Buchte mit einem kurzen Schlauchstück Kuhtrank angerührt werden. Oder die Kuh gedrencht, ohne Anstrengung quasi "vollaufen" lassen.

Ein Foto habe ich doch noch gefunden. Wie man sieht in einer 1930er Anlage, also eine Umbaulösung, z.B. ist die Buchtenbreite durch den Pfeilerabstand vorgegeben. Das ist am ersten Futterband, wo früher der Abkalbestall in Anbindung war und dahinter die Zimmer mit den Kälberboxen. Da ja bei uns Anbindehaltung seit Jahrzehnten out ist gibt es keine der Anlagen wo das noch original ist und die jeweiligen Umbaulösungen sind immer das Interessanteste wo der Rest des Stalls fast immer noch identisch.

Gruß an Martin!

Benjamin


 

Montag, 29. März 2021

Abkalbebox - Teil 1

Letztens gab es einen auf den Kuhblog weitergeleiteten Suchbegriff "Pläne Abkalbebox". Da bin ich natürlich wieder sehr darauf aus die Interessen der Leser des Kuhblogs zu bedienen. Vorneweg kann ich gleich sagen, dass ich keine Pläne zum Bau der perfekten Abkalbebox in der Schublade habe. Aber: Ich habe schon über 100 Milchviehbetriebe gesehen, Kuhställe ist da eher ein unpassender Begriff weil die meisten Betriebe hier in den NBL mehrere Ställe haben, mit den verschiedensten Verfahrensweisen. Mehrere tausende Abkalbungen habe ich schon miterlebt und in unterschiedlichen Abkalbeboxen Erstversorgung von Kuh und Kalb vorgenommen oder Geburtshilfe geleistet.
Daher habe ich mir Gedanken gemacht, was ich empfehlen würde oder wovon abraten und welche Punkte zu beachten sind.

Klar sind Abkalbeboxen eine super Nutzungsmöglichkeit für bestehende Altgebäude, aber bei einer Umbaulösung sollte man nicht zu viele Kompromisse eingehen. Einwände wie "bei unseren paar Abkalbungen pro Woche lohnt sich das doch gar nicht" lasse ich da nicht  gelten, denn eine gelungene Abkalbung ist der Grundstein für ein gut entwickeltes Kalb und ein guter Start für die Kuh in die Laktation. Als krasses Gegenbeispiel: Lohnt sich ein gut ausgestatteter Traktor eines "Premiumherstellers" für 400 bis 500 Betriebsstunden im Jahr? Wenn man sich die Traktor-Bundesliga mal ankuckt für die Meisten ganz klar...

Erstmal Sonderlösungen in Sachen Abkalbebox. Abkalbung im Boxenlaufstall, kenne ich Betriebe die das in großem Stil machen. Ein Vorteil ist, dass die Kuh nicht "mit dem Arsch zur Wand" liegen kann und das Kalb auf den Gang fällt. Nachteile sind Spaltenboden zwingend erforderlich, weil Schieber da viel zu gefährlich sind. Die Kuh kann sich nicht so gut ausstrecken, der enorme Aufwand das für Abkalbungen hygienisch genug zu halten und der
Platzbedarf, nicht mehr als so 50 % belegt.
Dann die Weidekalbung, wie es Jeff im Sommerhalbjahr macht (siehe Post vom 09.07.2019).
Vorteile sind der Platz, die Bewegungsfreiheit und die kalbende Kuh kann sich von der
Gruppe leichter absondern. Nachteile sind die Wettereinflüsse, der Bedarf an einer zusätzlichen Winterabkalbebox und für Geburtshilfe umständlichere Fixierung.
 
Einzel- oder Gruppenbox? In Einzelboxen sind die Kühe für sich alleine und können von den anderen nicht gestört werden. In eine Einzelbox passt keine zweite Kuh dazu, mit einer Gruppenbox ist man von der Belegung her flexibler bei Abkalbespitzen. Die Gruppenbox ist wegen den mehreren Plätzen darin natürlich größer was einem mehr Platz für Geburtshilfe usw. gibt.

Zweitnutzung: Generell keine! Nicht als Krankenbuchte, Frischabkalber usw. Das nimmt nur Platz weg und bringt Unruhe rein, wenn die zum Melken geholt werden. Für solche Kühe sollte es einen extra Stohbereich geben.

Position im Stall: In Sichtweite zu anderen Gruppen, dass sich die Kühe in der Nähe ihrer Herde wissen. Für das Personal sollte es leicht einzusehen sein, um den Geburtsfortschritt kontrollieren zu können ohne die Kuh zu stören. Was ich noch nie in der Praxis gesehen habe aber eine Überlegung wert wäre ist die Verkleidung einer Ecke der Box als Rückzugsort zur eigentlichen Kalbung, quasi der Waldrand des Wildrinds. Das wurde erfolgreich bei Versuchen der University of British Columbia getestet.
 
Platzbedarf: Faustzahl sind für ein Einzelbox 12 m², in Gruppenboxen 8 m² pro Kuh. Dann kommt es darauf an, wann die Kühe in die Abkalbebox kommen. Als das eine Extrem die Just-in-time-Abkalbung wenn die Klauenspitzen schon rausgucken. Das sehe ich nur für sehr große Betriebe machbar, wenn rund um die Uhr im Halbstundentakt die Transitgruppe kontrolliert werden muss. Das Gegenteil ist eine Gruppenbox in der die Kühe die gesamte Vorbereitungszeit sind und dann auch darin kalben.Und verschiedenste Stufen dazwischen.
Bei der Anzahl der verfügbaren Plätze darf nicht von der durchschnittlichen Anzahl an Abkalbungen ausgegangen werden, denn dann ist es die Hälfte der Zeit überbelegt. Daher einen Zuschlag einplanen für Abkalbespitzen. Meist werden im Sommer bei Hitzestress nicht so viele Kühe tragend und dann dafür im Herbst wieder mehr, quasi die "Aufgeschobenen". Dann sind 9 Monate später im Frühjahr weniger Abkalbungen und im Sommer mehr.
 
Einstreu: Am gängigsten ist komplett Tiefstreu in einem Einraumstall. Zweiraum mit einem Fressbereich gibt es auch, dann natürlich als Gruppenbox, bei einer Einzelbox bleibt sonst kaum noch Liegebereich übrig. Schieberenmistung ist im gegensatz zum Kalben im Boxenlaufstall kein Problem, weil die Kühe dann im Liegebereich kalben und nicht auf die Schieberbahn. Es gibt auch Abkalbeboxen mit Gummimatten, die sind deutlich leichter sauber zu machen, brauchen aber auch etwas Einstreu wie z.B. Strohmehl zum Binden von Feuchtigkeit sonst wird es rutschig.
 
Boden: Ein leichtes Gefälle braucht es, dass Urin/Jauche abfließen kann. Aber nur ganz leicht, wenn es zu steil wird kann eine Kuh möglicherweise nicht mehr hoch kommen, wenn sie auf der falschen Seite über ihren Schwerpunkt liegt. Bei Tiefstreu auf dem Boden Rauten eingefräst oder mit Besenstrich, dass die Kühe beim Aufstehen durch die (frische) Matte Griff haben und nicht wegrutschen.
 
Rein-Raus: Es kommt der Hygiene sehr zugute wenn die Boxen nach dem Rein-Raus-Prinzip bewirtschaftet werden oder zumindest regelmäßig komplett "leerkalben" gelassen werden, dass sie gründlich saubergemacht und nicht nur ausgemistet werden können. Dafür sollten die Boxen für das Ausmisten separat befahrbar sein und auch mit Schwellen voneinander getrennt, dass kein Wasser in die Nachbarbox fließen kann.
 
Tränken: Im Winter dieses Jahr hat es sich mal wieder bestätigt, dass die Tränken in der Abkalbebox aufgrund des geringen Wasserdurchsatzes schneller einfrieren, besonders die Schalen/Zungentränken oder "Pisstränken" wie ich als wegen des meist bescheidenen Wasserflusses dazu sage. Thermotränken eignen sich da gut dafür, habe ich in mehreren modernen Abkalbeställen gesehen, wo zwei Gruppenboxen nebeneinander eine sich zusammen teilen.
 
Fixiermöglichkeiten: In jeder Box einen sicheren Fangplatz für Geburtshilfe, Kolostrum melken usw. Die Luxusvariante dafür hat die Double A Dairy (siehe auch Post vom 02.11.2014). Da kalben aber auch um die 40 Kühe täglich. Wobei ich auch einen Betrieb in Deutschland kenne, der einen Erstversorgungsbereich hat mit einem Fangstand, Kälberwaage, Schreibpult für die Ohrmarkenvergabe und mehr.
Es gibt spezielle Fangplätze für Abkalbeboxen, wie die Cuddle-Box von Spinder (siehe auch Post vom 23.11.2016). Wo ich mittlerweile dem System nicht mehr kritisch gegenüberstehe wie damals. Von Jourdain gibt es auch ein ähnliches System, hat z.B. mein Stammbetrieb Hofgut Neumühle.
 
Melkmaschine: Da Kolostrum zeitnah nach der Kalbung ermolken werden soll weil es sonst durch die weitere gebildete Milch schnell verdünnt wird, sollte das noch in der Abkalbebox möglich sein. Dass man nicht auf die Melkzeiten angewiesen ist die Kuh da mit zu schicken. Öfters gibt es Eimer- oder Rohrmelkanlagen. Finde ich einen zu hohen Aufwand für die wenigen Melkungen dann. Im alten Neumühler Kuhstall war es noch vertretbar, da lag die Abkalbebuchte direkt neben dem Maschinenraum und die normale Vakuumpumpe konnte mit einer vielleicht 2 m langen Stichleitung mitbenutzt werden. Ich ziehe da eine Karrenmelkmaschine ("Mobilmelker") vor, die kann man auch für andere Fälle von nicht für den Melkstand geeigneten Kühen einsetzen.
 
Befahrbarkeit: Für mich kommt da nur komplett befahrbar in Frage, nach meiner Devise: Überall wo eine Kuh hinlaufen kann muss ein Hoflader auch hinfahren können (vgl. Post vom 18.06.2015). Wenn man einer Kuh z.B. wieder auf die Beine helfen muss. Und die Kälber wegbringen. Oder beim Ausmisten, dass man das nicht mit Forke und Schubkarre machen muss. Insgesamt um die Arbeit weniger körperlich anstrengend zu gestalten und die Technik nutzen zu können.

Tore: Sich über alle Tore ganz genau Gedanken machen. In welche Richtung die aufgehen sollen, wie die künftigen Wege sind. Am besten bei allen Toren um fast 180 Grad, dass dafür keine Pfosten oder Pfeiler im Weg sind. Und keine ausziebaren Tore, die sind mir ein Graus. Das ist eine Unsitte bei Stallplanern, wahrscheilich weil man sich da nicht groß Gedanken um die Position der Beschläge machen braucht... Aber da quält man sich nach Jahren jedes Mal dran ab, weil durch Staub und Dreck schwergäng oder verbogen, weil mal eine Kuh drauf gesprungen ist.
 
Kameras: In unseren Strukturen mit bezahlten Angestellten und festen Arbeitszeiten unüblich, weil aufwändig zu organisieren wer in den unbesetzten Zeiten dafür zuständig ist und andererseits sind die nicht so lang. Bei Einzelbauern aber deutlich häufiger, meist mit Fernzugriff übers Internet. Mal schnell bei der Ernte auf dem Handy nachschauen ob daheim alles in Ordnung ist. In Zukunft geht es dann in Richtung einer Abkalbeüberwachung mittels Bildanalyse (Gruß an Hubert!).

Außenrum: Fließendes warmes und kaltes Wasser in der Nähe, dass man das nicht weit zu schleppen hat z.B. für den Kuhtrank. Auch Steckdosen. Ordentliche Beleuchtung für die Geburtshilfe mitten in der Nacht. Dokumentationsmöglichkeiten für die Geburtsüberwachung (vgl.Post vom 07.05.2016).
 
Das wurde jetzt ein ziemlich langer Post, daher kommt im nächsten noch ein Beispiel einer sehr gelungenen Abkalbebox.
 
Fortsetzung folgt!
 
Benjamin

Mittwoch, 24. März 2021

Fotos von Mikesch

Bevor es im nächsten Post wieder richtigen Kuhbezug gibt noch mal über das Leben im Stall statt Leben mit Kuh.
 
Von privater Tierhaltung halte ich für mich persönlich nicht so viel. Rinder geht schon mal gar nicht, weil da gibts für mich nur Holsteins und für ordentliches Arbeiten damit ist man ganz schnell in Größenordnungen von über 10.000 Stunden Aufwand im Jahr. Also hauptberuflich wie ich es auch mache.
Bei Katzen habe ich die Haltung von Stallkatzen als passende Lösung gefunden. Klar hauptsächlich zur Schadnagerbekämpfung, aber für mich hat das den Vorteil einer recht unverbindlichen Sache: Jeder ist für sich selbst verantwortlich und man begegnet sich ab und zu oder auch mal öfters. Wenn man dabei eine anhängliche Katze hat ist es natürlich besonders schön.
 
Mikesch hat sich schnell zu meinem Lieblingskater hochgearbeitet, weil schon geradezu aufdringlich. Er ist jetzt anderthalb Jahre alt und nachdem er zunächst fast nur im Kälberstall war streift er mittlerweile über die halbe Anlage. Man kann ihn rufen und er läuft auch mit einem mit. Und auf der Kälberwaage kann man ihn wiegen, entweder alleine oder man nimmt ihn auf den Arm. Der letzte Wert im Februar waren glaube ich 4,6 kg.
 
Fotografieren ist recht schwer, weil er eigentlich nie still hält:



















Und ganz dynamisch, da setzte er an um mir auf die Schulter zu springen:

Benjamin




Sonntag, 21. März 2021

Hausbau - Teil 1

Heute kommt der erste Post einer Serie über den Hausbau in der alten Heimat; ohne Kuhbezug, aber mich privat am meisten beschäftigt. Das Haus (siehe auch Posts vom 13.01.2020 und 05.01.2021) hatte ursprünglich mein Ururgroßvater um 1900 erbauen lassen, meine Mutter ist dort aufgewachsen und hat es vor fünf Jahren geerbt. Da es aber so gravierende Bauschäden hat ist ein Abriss und zeitgemäßer Neubau wirtschaftlicher als eine umfassende Sanierung.
 
Mit der Baugenehmigung hat es sich letztes Jahr verzögert und nun konnte der Abriss Anfang März endlich beginnen. 
Etwas Wehmut hatte ich schon als ich die ersten Fotos davon gesehen habe, schließlich hängen da auch für mich über 20 Jahre schöne Erinnerungen dran. Doch ist es vor allem eine Ersatzhandlung für die ganzen alten Ställe die ich schon mit dem Radlader wegschieben wollte wenn sie mal ausgedient haben... und allesamt noch in Benutzung sind.

In der heutigen Zeit mit Smartphone und Messenger ist man quasi live dabei, obwohl über 500 km entfernt in Brandenburg.

Wenn ich mir die Fotos so ankucke:
Erste Erkenntnis: Ein Haus das aus Backsteinen gebaut ist lässt sich recht einfach abreißen. Damals war Beton noch nicht so verbreitet. Mein Großvater hat später immer sehr großzügig betoniert; ich kann mich an den Abriss des Fundaments eines Maschendrahtzauns (!) 1995 erinnern, das war atombombensicher.
Zweite Erkenntnis: Die Bauschäden kamen jetzt deutlich ans Licht. 
Dritte Erkenntnis: Der gesamte Dachstuhl und die Deckenbalken sind eine Riesenmenge Holz, dafür wird nach 30 Jahren Planung doch ein Kaminhofen für das jetzige Haus angeschafft werden müssen, bisher war alles Altholz immer im Herd des alten Hauses verheizt worden.
Vierte Erkenntnis dabei: Das Pflaster im Hof, das 120 Jahre lang gehalten hat ist der Masse eines Volvo EW180C nicht gewachsen. --> Link zum Nachfolgemodell. Der ist noch mal ein Stück größer als der Fortschritt T188 (siehe auch Post vom 14.02.2015). 

Abrissfortschritt in Fotos:

1. März:




















4. März:




















11. März:




















17. März:




















Fortsetzung folgt! 

Benjamin

Freitag, 19. März 2021

Perle - Teil 12

Mittlerweile wurde Perle in unser K3-Abteil umgestallt. Zur Definition siehe Post vom 05.02.2021. Es handelt sich dabei um einen Zweiraumstall. Diese haben eine Trennung in zwei Räume: Fress- und Liegebereich. Im Fressbereich ist hier Spaltenboden, im Liegebereich Tiefstreu. Daher auch unsere umgangssprachliche Bezeichnung Stroh-Spalte. Gegenüber einem Einraumstall nur mit Tiefstreu spart es Stroh, vor allem am Fressgitter wo die Kälber viel stehen und entsprechend auch hinmachen "versumpft" es dann schneller. Auf der anderen Seite fällt sowohl Festmist als auch Gülle an.

Mit dem Wiegeband vermessen kann ich sie leider nicht, dafür ist sie mir nicht anhänglich genug geworden. Ihr Gewicht schätze ich auf so 145 kg. In ihrer Gruppe gehört sie zu den besser entwickelten Kälber. Aber wie bei den anderen auch ist ihr Fell ziemlich struppig geworden, das haben aber eigentlich alle Kälber in den alten Ställen aus den 1990ern, weil bei denen das Klima nicht ganz so gut ist.

Benjamin
 

 

Samstag, 13. März 2021

Horn absägen

Total Red - ein besonders kreativer Name für eine rotbunte Tableau-Tochter - ist ein Zweihorn. Sie war scheinbar als Kalb bei der Enthornung durchgerutscht. Das war vor meiner Zeit gewesen.
Und von Hörnern halte ich gar nichts, die sind eine züchterische Altlast aus längst vergangenen Zeiten (siehe auch dazu die Posts vom 13.09.2020 und 24.09.2020). Hörner sind eine Gefahr für den Menschen, andere Rinder und für die Rinder auch selber.
 
Ab und zu, aber gar nicht so selten wenn man das auf den geringen Anteil der Kühe mit Hörnern bezieht kommt es vor, dass die Hörner so krumm wachsen und in den Kopf hineinwachsen zu drohen. Das ist irgendwie ein Schlupfloch in der natürlichen Selektion, denn bis die Kuh an ihren eigenen Hörnern sterben würde hat sie schon eine handvoll Nachkommen.
 
Bei Total Red war es nur das linke Horn fast senkrecht nach unten wuchs und knapp über dem Auge vor dem Einwachsen stand. Ihr rechtes Horn wächst waagrecht.
Das Horn wurde mit einem Sägedraht abgesägt, für den ist das Horn überhaupt kein Problem, beim Fetotom geht der auch durch Knochen (vgl. Post vom 26.08.2019). Die Hörner bestehen aus einem knöcheren Hornzapfen der aus dem Schädel wächst und darauf wächst vergleichbar mit einem Fingernagel das eigentliche Horn. Wenn Kühe sich die Hörner abstoßen ist wie das Abreißen eines Fingernagels. Die Hornspitze abzusägen ist dann wie das Nägelschneiden. Wenn das Horn mit dem Hornzapfen abbricht (siehe auch Post vom 20.02.2017) ist das eine größere Geschichte und nach dem Absägen muss die Blutung durch Veröden der Wunde gestoppt werden.
 
Benjamin 
 

 

Donnerstag, 11. März 2021

DCAB - Teil 2

Die Beachtung und Berechnung des DCABs für melkende Kühe ist noch nicht so lange ein Thema und auch nicht so breit in der Praxis vertreten. Erstmals hatte ich vor drei Jahren auf dem Herdenmanagerlehrgang zu tun (siehe Post vom 28.01.2018) und unter den Kuhblog-Lesern gibt es auch dafür Experten von denen ich einges gelernt habe (Liebe Grüße!).

Bei einem niedrigen DCAB kommen die Kühe in eine metabolische Acidose, der ganze Körper ist zu sauer. Das beeinträchtigt verschiedenste Prozesse im Körper, die Kühe "laufen nicht rund". Die "klassische" Acidose dagegen ist die Pansenacidose, wenn es bei der Verdauung zu sauer wird (Propionat-Weg) und der pH-Wert im Pansen zu stark sinkt.
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Thematik sind noch nicht so umfangreich und es braucht dafür auch weitere Versuche. Mit abnehmendem DCAB konnten bisher zwar keine unmittelbare Schäden nachgewiesen werden, aber vor allem die Leistung sinkt.

Für melkende Kühe sollte der DCAB über +100 meq, besser +150 meq liegen. Und das kann mittlerweile schwierig werden mit der verbreiteten GVO-freien Fütterung. Sojaextraktionsschrot erhöht den DCAB, Rapsextraktionsschrot dagegen hat wegen dem hohen Schwefelgehalt einem meist negativen DCAB und senkt ihn in der Gesamtration. 
Bei unseren typischen Rationen hier im Nordosten mit mehr Maissilage und weniger Grassilage kann es dann schon mal schwer werden überhaupt über die +100 meq zu kommen.
Mit Natriumbicarbonat als Puffer - nicht nur gegen Pansenacidose - lässt sich der DCAB anheben oder auch mit Melasse.

Ganz wichtig ist auch hier wieder die Analyse der Silagen auf die Mineralstoffe, denn Boden, Pflanzenalter und die Düngung bedingen einen extrem hohe Schwankungsbreite, sodass man mit Tabellenwerten nicht rechnen kann.

Die Beachtung des DCABs ist ein weiterer Baustein in der Rationsberechnung um die Kühe bedarfsgerechter zu füttern und zwar beim Verhältnis der Mineralstoffe zueinander.

Benjamin

Sonntag, 7. März 2021

DCAB - Teil 1

Der DCAB und die Fütterung von sauren Salzen an Transitkühe war mir rein vom Begriff her aus dem Studium bekannt, näher behandelt wurde es dort aber nicht. Das war damals in Rheinland-Pfalz auch nicht so von Bedeutung. Daher war das für mich auch lange Zeit was für die absoluten Profis in den oberen Leistungsklassen. Aber seit ich in der Kuhbranche bin ist in Brandenburg die Milchleistung um über 1.000 kg pro Jahr gestiegen und damit nimmt die Bedeutung zu.
 
Die calciumreduzierte Fütterung wird schwieriger umzusetzen, da die Kühe mehr fressen, was sie auch sollen für eine gute Energieversorgung um nicht schon vor der Kalbung in eine Ketose zu rutschen. Der Calciumgehalt im Futter kann aber nicht beliebig abgesenkt werden um die Gesamt-Calciumaufnahme niedrig zu halten. 

Daher ist es zunehmend wichtiger den DCAB zu beachten. Wie der ausgeschriebene englische Namen Dietary Cation Anion Balance beschreibt ist es das Verhältnis von Kationen zu Anionen. Es sind nur die starken Kationen und Anionen von Bedeutung:
Natrium
Kalium
Chlor
Schwefel

Das ist die Formel, in der die Gehalte in g pro kg Trockenmasse eingesetzt werden:

meq = 43,5 x Na + 25,6 x K - 28,2 x Cl - 62,3 x S

meq bedeutet Milliäquivalent und ist dann in der weiteren Verwendung nur noch eine Zahl wie z.B. der RNB auch.

Gras, Klee, Luzerne und Heue haben hohe DCAB, Maissilage und Stroh weniger, Getreide um die 0, Pressschnitzel und Biertreber negativ, Raps wegen dem hohen Schwefelgehalt noch negativer, Soja dagegen wegen dem Kaliumgehalt wiederum deutlich positiv.
Die Tabellenwerte sind jedoch wenig hilfreich, da durch Standort, Witterung und Düngung die Ionengehalte extrem schwanken können. Daher sind Mineralstoffanalysen der Silagen oder Rationen nötig.
Die Berechnung des DCAB ist auch nur für die grobe Richtung, die weitere Einstellung muss über das Fütterungscontrolling erfolgen.

Für die Transitfütterung ist der DCAB auf + 100 bis + 200 meq einzustellen, besser um die + 130 bis + 150 um nicht zu schnell in den Grenzbereich zu kommen. Durch die saurere Fütterung sinkt der pH-Wert im Körper und Calcium (Ca2+) wird aus den Knochen ausgelagert und gleichzeitig mehr Calcium aus dem Futter aufgenommen. Also der gleiche Effekt wie bei der calciumarmen Fütterung, aber es kann und muss sogar mehr Calcium gefüttert werden weil die Nieren auch viel aus dem Blut in den Harn ausscheiden. Da ist es quasi Durchfluss-Calcium.

Vom Futter her sind solche Futtermittel auszuwählen, dass der DCAB sinkt. Meist wird grasarm gefüttert, weil man sonst wegen der hohen Kaliumgehalte schwer unter die +200 meq kommt. Grassilage ist meist kaliumreich da Grünland überwiegend mit Gülle gedüngt wird und die Kühe viel Grassilage bekommen und es sich dann mit der Zeit in diesem Kreislauf angereichert hat. Von der Empfehlung speziell dafür kaliumarme Grassilage von extensiv geführten Flächen zu produzieren halte ich nicht viel, weil das ein weiteres Futtermittel für die Pflanzenproduktion ist und bei Kleinbetrieben dann ein unverhältnismäßig hoher Aufwand.
 
Der DCAB-Bereich von 0 bis +100 meq soll gar nicht funktionieren. Ich vermute, dass ich damals vor der Nachtschicht (siehe auch Post vom 25.12.2013) mit der Ration aus Maissilage, Grassilage, Stroh und Rapsschrot genau in diesen Bereich geraten war.
Weiter runter zwischen - 100 und 0 meq ist dann die Fütterung mit sauren Salzen. Das sind Sulfat- oder Chloridsalze mit meq um die -10.000 pro kg. Da ist ein noch engmaschigeres Controlling nötig um Fehldosierungen zu vermeiden, denn Überdosierung vermindern die Futteraufnahme weil meist schlecht schmeckt und die Kühe zu sauer werden und den Appetit verlieren. 
Und es muss mehr Calcium gefüttert werden, weil sich das "Durchfluss-Calcium" erhöht.
Die Einstellung der sauren Salze wird am Harn überprüft, am besten 1-2x wöchentlich. Recht einfach mit dem pH-Wert, der um die 7 liegen sollte oder noch aussagekräftiger mit Laboranalysen zur NSBA (Netto-Säure-Basen-Ausscheidung) oder der Calciumausscheidung, dem "durchgeflossenen" Calcium.

Die Arbeit mit sauren Salzen erfordert ein hohes Niveau in der Fütterung bietet aber eine gute Möglichkeit insbesondere subklinisches Milchfieber und die damit verbunden Gesundheitsprobleme stärker zurückzudrängen.

Benjamin

Montag, 1. März 2021

Milchfieber

In letzter Zeit habe ich mich vermehrt mit dem DCAB (Dietary Cation Anion Balance) beschäftigt; mehr theoretisch, die praktische Umsetzung in der Fütterung ist eher ein mittelfristiges Projekt.
Da ich dazu im Kuhblog zwei Posts schreiben wollte kommt ein dritter noch dazu, denn nicht alle Kuhblogleser haben aus dem Stehgreif die ganzen Zusammenhänge parat wenn ich mit "Milchfieberprophylaxe" anfange.

Milchfieber ist eine Erkrankung die bei Kühen unmittelbar nach der Abkalbung auftreten kann, daher auch der präzisere Begriff Gebärparese. 
Grund dafür ist ein zu niedriger Calciumspiegel im Blut. Die Muskelfilamente brauchen für ihre Bewegungen bei der Muskelkontraktion auf molukularer Ebene Calcium. Das betrifft alle Muskeln. Wenn nach der Kalbung bei einer Kuh die Milchbildung beginnt erhöht sich sprunghaft der Calciumbedarf. Für die 5 - 10 Liter Kolostrum hatte sie über zwei Wochen Zeit, nach der Kalbung stellt der Körper aber auf zunächst so 30 Liter täglich um. Der Calciumbedarf steigt in der Größenordnung von 40 auf 110 g pro Tag. Auch wenn man calciumreich füttert (Futterkalk) kann sich der Körper nicht schnell genug auf den geänderten Bedarf einstellen und genügend Calcium aus dem Futter absorbieren. Für die Milchbildung wird das Calcium aus dem Blut entnommen bis zu wenig für die Muskeltätigkeit vorhanden ist. Als erstes sind die Muskeln der Beine betroffen und die Kuh fängt an zu schwanken und kann sich nicht mehr auf den Beinen halten bzw. wenn sie liegt nicht mehr aufstehen. Das ist dann das Festliegen, wenn es länger andauert sind zunehmend auch andere Muskeln betroffen bis hin zum Herzmuskel. Unbehandelt ist die Sterblichkeit extrem hoch.
Für das Festluegen gibt es auch andere Ursachen, aber Milchfieber ist die häufigste. 
Behandelt wird es mit einer Infusion von Calcium und Glukose, womit die Kuh meistens nach kurzer Zeit wieder aufstehen kann.

Die gängige Prophylaxemaßnahme gegen Michfieber ist die calciumarme Fütterung in der Transitphase. Mit einem speziellen Trockenstehermineralfutter, das sehr wenig Calcium enthält wir der Calciumgehalt der gesamten Ration soweit abgesenkt, dass die Kuh auf eine effizientere Calciumaufnahme trainiert ist.
Dabei läuft folgender Regelmechanismus ab: Bei niedrigem Calciumgehalt im Blut bildet die Nebenschilddrüse Parathormon, das die Mobilisierung von Calcium aus den Knochen bewirkt und in der Niere die Aktivierung von Vitamin D, das eine bessere Calciumaufnahme im Darm durch mehr Calciumtransporter in der Darmwand bewirkt.
Im Gegensatz dazu bildet bei hohem Calciumgehalt im Blut die Nebenschilddrüse Calcitonin, das die Einlagerung von Calcium in die Knochen bewirkt.
Die calciumarme Fütterung bringt die Kuh in einen leichten Calciummangel und sie ist dann in der Calciumaufnahme und der -mobilisierung so effizient dass sie zusammen mit der calciumreichen Fütterung nach der Kalbung kein Milchfieber bekommt. 
Gelernt habe ich das damals auf meinem Stammbetrieb Hofgut Neumühle, als mir das einer der Lehrlinge erklärt hat. 13 Jahre später kann ich sagen, dass das echt was fürs Leben war und sowas heute leider keiner unserer Lehrlinge hinbekommen würde...
 
Nach meiner Erfahrung klappt das am besten, wenn die Kuh 13 - 19 Tage lang vor der Kalbung so gefüttert wurde. Kürzer ist der Effekt nicht so hoch, länger verpufft er zunehmend wieder.

Mit dieser Fütterung hat man das Milchfieber gut im Griff, wenn alles mit der Fütterungs rund läuft, z.B. auch mit dem DCAB, dazu dann mehr im nächsten Post.
Die Krankheitsinzidenz von Milchfieber ist recht unterschiedlich, meist kommt es wellenweise, wenn irgendwas mit der Fütterung nicht stimmt. Erstkalbende Kühe sind extrem selten betroffen, weil sie zunächst nur verhalten mit der Milchproduktion starten. Mit dem Alter nimmt die Häufigkeit zu, weil einmal die Leistung der Kühe steigt (siehe auch Post vom 02.09.2020) und ältere Kühe im Darm weniger Calciumtransporter haben.
Ein größeres und häufigeres Problem ist das subklinische Milchfieber, das nicht ausbricht, aber die Kühe trotzdem einen Calciummangel hat mit negativen Auswirkungen z.B. auf die Pansenmuskulatur (als Folge Gefahr von Labmagenverlagerung) und die Gebärmuttermusulatur (Abgang der Nachgeburt). 

Für die Kuhblogleser mit Kühen kann ich Fachliteratur empfehlen:
"DLG - Kompakt: Erfolgreiche Milchfieberprophylaxe" ISBN 978-3-7690-3162-1 und
"Fütterungsempfehlungen für Milchkühe im geburtsnahen Zeitraum" ISBN 978-3-7690-0821-0
Mit dem zweiten habe ich damals in meiner Nachtschicht die Transitfütterung wieder auf die Reihe bekommen (siehe auch Post vom 25.12.2013).

Benjamin

Freitag, 26. Februar 2021

Bilanz vom Winter

Ging es letzte Woche innerhalb von zwei Tagen vom tiefsten Winter in den Frühling waren es heute dann mit einstelligen Plusgraden wieder normale Temperaturen für Ende Februar.
Jetzt ziehe ich mal eine Bilanz vom "richtigen" Winter dieses Jahr.
Es war 9 Tage lang Dauerfrost, morgens als zwischen -12 und -16 °C und nachmittags zwischen -4 und -8 °C. Die Durchschnittstemperatur dürfte so um die -9 °C gelegen haben. Ein Kälterekord war das bei weitem nicht, die liegen hier in Brandenburg so um die -25 °C. Das außergewöhnliche war eher die Dauer von 9 Tagen.
In meinem Umfeld schätzt man das ein, dass das ein Winter war wie er so alle 10 Jahre vorkommt.
 
Meine Gedanken dazu:
- Die Produktion ist weitergelaufen. Alle Tieren haben zu fressen und saufen bekommen und die Kühe wurde allesamt zweimal täglich gemolken. An der Milchleistung hat man gar nichts gemerkt.
- Die Mitschieber sind nicht festgefroren. Die liefen rund um die Uhr. Aber es hat sich nach und nach Gülleeis gebildet, das die Abwurfschächte teilweise verstopft hat.
- Auf den Spaltenböden ist der Kot festgefroren, aber an wärmeren Nachmittagen auch wieder getaut.
- Die meisten Tränken sind nicht eingefroren mit Kreislaufsystem oder am Rücklauf der Milchvorkühlung sowie solche mit genügend Tieren dran. Die Einzeltränken (Schalentränken u.ä.) sind dagegen zum größten Teil eingefroren. Gab dabei auch einige Frostschäden.
- Um die betroffenen Gruppen zu versorgen (aus Bottichen) ist das Milchtaxi eine große Erleichterung. Das hatte ich nämlich noch nicht als letztmals Tränken eingefroren sind (siehe auch Post vom 08.04.2018).
- Die Melktechnik ist mit den Heizgebläsen nicht eingefroren.
- Im Kälberstall stand die Luft weil bei den über Tagen geschlossenen Curtains der Luftaustausch zu gering war.

Fazit:
- Es lohnt sich in unseren Breiten nicht die Anlagen frostsicherer zu bauen. Ein solches 10-Jahres-Ereignis muss ein Stall nur 3 bis 5 Mal in seiner Nutzungsdauer aushalten. Und das hat ja ohne große Probleme geklappt. Für Jahrhundertwinter gerüstet zu sein bedeutet dann einen unverhältnismäßig hohen Aufwand.
- Aber in jedem Winter bei normalem Frost ist die Reinigung von Kälberiglus ein Problem. Da macht eine beheizte Fläche schon Sinn. (vgl. Post vom 21.02.2018).
- Hitzestress ist viel problematischer, wenn man bedenkt, dass jetzt keine Kühe gefroren haben, aber ihnen das halbe Jahr zu heiß ist. (Siehe auch Posts vom 26.05.2018, 23.03.2019 und 07.05.2019)

Lesetipp zu Thema: In der Elite Impulse 2/2020 war ein Bericht über die Milchproduktion in Alberta, im Winter bei bis zu - 40°C und dann das Jungvieh draußen!

Benjamin

Dienstag, 23. Februar 2021

2 m³-Selbstfahrer

Momentan bin ich mal wieder auf Urlaub in der Alten Heimat, den Resturlaub von 2020 noch weg machen. Heute war ich nach Ewigkeiten wieder zu Besuch bei Christian in Lampertheim. Im Freien an der frischen Luft bzw. auf dem Hof mit leicht einzuhaltendem Abstand.
Dort hatten sie keine schützende Schneedecke, sodass man die Folgen des Frosts deutlich sieht: Das ganze Getreide ist jetzt gelblich-grün. Die tonigen Auenböden haben diesen Winter mal eine richtige Frostgare abbekommen und sehen nun eher aus wie Brandenburger Sand.

Mein Hauptinteresse lag diesmal auf dem neuen Futtermischer, einem Sieplo MB 1500. Einen Test dazu gab es auch in der Ausgabe 11/2020 der TopAgrar. Es ist eine Mischschaufel mit einer vertikalen Mischschnecke, beidseitigem Austrag, einer Fräse und einem Seitenverschub. Alles aus Edelstahl und hydraulisch angetrieben.

Blick in den Mischbehälter mit der Mischschnecke. Ein Messer ist dran. Auf beiden Seiten ist ein hydraulisch betätigter Schieber. Ein ganz normaler Vertikalmischer, halt mit 2 m³:

 




 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Der große Vorteil neben den kompakten Abmessungen mit denen man fast überall hinkommt ist die "Selbstfahrer"-Lösung. Alles wird mit dem Hoflader erledigt und es braucht keinen zusätzlichen Traktor wie bei einem klassischen fremdbefüllten, gezogenen Mischwagen.
Mit der Entnahmefräse wird aus dem Maissilo gefräst. Ist wie bei einem großen Selbstfahrer; hört sich auch genauso an und hinterlässt auch eine schöne Anschnitssfläche. Rückwärts aus dem Tiefsilo raus wird der Hoflader (Weidemann 2070; 4 t, 50 PS) etwas leicht auf der Hinterachse. Sowas kenne ich vom Schäffer mit dem Einstreugerät nur zu gut...

 


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Einfräsen von Luzerne- und Ackergrasanwelk aus Wickelballen. Dafür wird eine Ecke der Lagerhalle als Futterhalle genommen. Mit Handbremse und Handgas kann man dann mit der Funkfernbedienung bequem daneben stehen mit einem besseren Blickwinkel. Und Reste, die die Fräse nicht mehr kriegt kann man nach dem Aufrichten noch per Hand in den Behälter werfen:

 



 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
2 m³ sind für mich irgendwie Spielzeug, aber neben der enormen Arbeitserleichteung im Vergleich zur händischen Futtervorlage bietet es mit der Waage und den ganzen Programmiermöglichkeiten einen ordentlichen Einstieg in die TMR-Fütterung für Kleinstbetriebe. 
 
Die Milchtankstelle läuft nach wie vor sehr gut, da hat das letzte Jahr einen kräftigen Anstieg gebracht. Das merke ich auch indirekt im Kuhblog, mein zugehöriger Artikel (siehe Post vom 09.09.2017) hat es mittlerweile auf den 2. Platz der ewigen Liste der beliebtesten Posts gepackt.

Benjamin

Sonntag, 21. Februar 2021

Euterinjektoren anwärmen

Mal ein Thema über das ich im Kuhblog schreibe weil es gut zum "Mehrwert" für die Leser passt. Es geht um das Anwärmen von Euterinjektoren bei niedrigen Temperaturen.
Wie üblich bei Medikamententhemen nenne ich aus rechtlichen Gründen keine Präparatnamen und verweise auf "Lesen sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Tierarzt." Ich gebe zwar auch keine Gewähr auf die Inhalte aber für die zeitsparende Recherche von Beipackzetteln habe ich in der Favoritenliste des Browsers (neben RBB, VIT usw) auch Imedikament.

Hintergrund war vorletzte Woche bei den frostigen Temperaturen, dass beim Trockenstellen die Euterinjektoren extrem zäh waren und eine meiner Kolleginnen meinte, man sollte die doch in warmes Wasser legen. Worauf ich antwortete, dass man das nicht machen soll. Für mich ist das Stand des Wissens, das jeder Landwirt oder Tierwirt haben muss. "Das haben wir schon immer so gemacht!" Das ist die vollendete Ausformulierung der Betriebsblindheit. Und da ich nicht die genauen Hintergründe dazu wusste um es schlüssig erklären zu können habe ich mich darum gekümmert.
"Man muss nicht Alles wissen, man muss nur wissen wo es steht." Ganz meinem Selbtverständnis entspricht das zwar nicht, aber ich muss in solch einem Fall halt wissen wer es weiß. Deshalb habe ich mich an einen der Kuhblogleser (Gruß nach KH!) gewandt, der mir das im Detail erklärt und weitergehende Literatur geschickt hat; u.a. auch Untersuchungen des Max-Rubner-Instituts über Auswirkungen falscher Antibiotikaanwendungen.

Die Euterinjektoren sollen nicht in Wasser gelegt werden, denn ungeöffnet sind sie fast ganz steril, mit dem Wasser können aber Keime eindringen. Da bei Euterbehandlungen die Hygiene extrem wichtig ist und Kontaminationen möglichst zu vermeiden sind also sehr leicht- und unsinnig.
Zudem ist die Lagertemperatur einzuhalten, wenn es zu warm wird (auch durch ein Wasserbad!) kann sich das Medikament entmischen. Das kann die Wirksamkeit herabsetzen und auch die Ausscheidung von Rückständen in der Milch deutlich verlängern. Das gleiche gilt wenn die Injektoren Frost ausgesetzt waren. 
Die Injektoren im Winter neben die Heizung zu stellen oder im Sommer bei sehr dünnflüssigen Präparaten in den Kühlschrank wie ich es schon oft gemacht habe funktioniert wenn der Temperaturbereich für die Lagerung eingehalten wird.
 
Zusammengefasst: Lagertemperatur im Beipackzettel nachlesen, im Originalkarton bei der entsprechenden Temperatur aufbewahren, nicht in Wasser legen und sauber arbeiten.

Benjamin

Montag, 15. Februar 2021

Marktforschung

Am Freitag habe ich an einer Videokonferenz zur Marktforschung teilgenommen. War eine Marktforschungsfirma aus Hamburg, die das im Auftrag eines Agrarchemieunternehmens durchgeführt hat. Waren ganze vier Teilnehmer, hätte da deutlich mehr erwartet, die Kontakte und Verbindungen sind doch eigentlich das Kapital dieser Branche. Also ich hätte selbst bestimmt 20 Teilnehmer zusammenbekommen.

Neben mir war es noch ein weiterer Milchbauer aus Brandenburg, den ich gut kenne und zwei Mutterkuhhalter aus Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Es ging um den Einsatz von Ureaseinhibitoren in Ställen. Urease ist ein Enzym, das Harnstoff in Ammoniak und Kohlendioxid umwandelt. Und somit Ammoniakemissionen und Stickstoffverluste verursacht. Die Ureaseinhibitoren werden schon bei Harnstoff als Dünger eingesetzt um den Abbau im Boden zu verlangsamen und die Nährstofffreisetzung an das Pflanzenwachstum anzupassen. Im Stall sollen rund 40% reduziert werden können. Ich sehe vor allem die Erschließung eines neuen Marktes...

Folgende Punkte ergaben sich in der Diskussion:

1. Relevanz: Wie hoch sind die Ammoniakemissionen im Stall überhaupt. Sind bei der Güllelagerung oder der Gülleausbringung nicht viel größere Ansatzpunkte? Bei Schieberentmistung auf planbefestigten Böden ist die Gülle innerhalb kurzer Zeit im Kanal (bzw. Biogasanlage).

2. Wirtschaftlichkeit. Können so viele Stickstoffverluste reduziert werden, dass es sich über den somit höheren Düngewert rechnet?

3. Technische Umsetzbarkeit. Die vorgeschlagene Variante eines Roboters der durch den Stall fährt und die Flüssigkeit mit dem Inhibitor versprüht ist bestimmt schlecht umsetzbar. Eine Konstruktion am Mistschieber die dann hintendran sprüht für den nächsten fallenden Kuhfladen würde den harten Stallalltag nicht lange überstehen.

Danach gab es noch einige Fragen zu gewünschten Vertriebswegen, Werbung und Informationsbereitstellung.

Es wurde auch gefragt, was für einen Ruf die Chemiefirmen haben. Im Gegensatz zu den Traktoren gibt es da halt keine "Markenfetischisten". Das sind die Geschäftsbeziehungen vor allem durch wirtschaftliche Gründe bedingt. Bei mir ist das unabhängig davon als gebürtiger Rheinhesse bei der BASF was Besonderes, wo auch mein Urgroßvater "bei der Anilin" gearbeitet hat. Und Bayer hat für mich einen Ruf sich mit der Übernahme von Monsanto ziemlich gedämlich angestellt zu haben, wo die als Erzfeind der globalen Empörungsindustrie ein Pulverfass sind.

Zusammenfassend würde ich sagen, dass das Projekt einen Dämpfer bekommen hat. Wenn es bis zur Marktreife kommt berichte ich im Kuhblog darüber.

Benjamin