Mittwoch, 27. April 2022

Agra 2022 - Teil 2

Das Schöne an der Agra ist die Kombination aus Tierhaltung und Pflanzenbau, es gibt beides zu sehen.

Bei den Mähdreschern habe ich ausschließlich Bandschneidwerke (Draper) gesehen, man hatte fast den Eindruck es gebe keine Schneckenschneidwerke mehr. Da wollten alle Hersteller zeigen dass sie mittlerweile welche im Angebot haben. Mal abgesehen von John Deere mit einem 45 Fuß (13,7 m) am X9 waren die anderen für die Mähdreschergrößen aus Platzgründen als die schmalsten Ausführungen.
Hier ein Case-IH AxialFlow mit einem MacDon FlexDraper von 9 m. Das hat einen flexiblen Messerbalken der sich der Bodenkontur anpassen kann für Kulturen mit tiefem Fruchtansatz wie Sojabohnen oder Erbsen:
 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Nach zweieinhalb Jahren Messepause waren sehr viele Maschinen für mich neu, die hatte ich noch nicht live gesehen sondern nur auf Fotos. Besonders fiel mir das bei dem aktuellen "Gesicht" der Case-Traktoren auf. 
Richtig überrascht war ich darüber dass die neue Dammann ProfiClass Tridem ausgestellt war, die erste Anhängespritze mit Tridem-Fahrwerk und 20.000 l Fassinhalt. Von der hatte ich bisher nicht mal Fotos gesehen sondern nur CAD-Grafiken. Und dann steht man vor dem Riesenteil. Dieses Exemplar wird beim Agro-Team Unseburg in der Magdeburger Börde zum Einsatz kommen:
 

 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Ein Nachtrag noch zum vorletzten Post: Blick in einen Sgariboldi Gulliver 6014. Das ist ein selbstfahrender Fräsmischwagen, ein Paddelmischer mit integriertem Strohhäcksler und Behälterdeckel. Oben links im Bild sieht man das Förderband das von der Fräse (bzw. Strohhäcksler) kommt. Sgariboldi hat eigentlich auf jeder Messe an einem der ausgestellten Mischwagen eine Plattform stehen, dass man reinschauen kann.

Benjamin
 

 

Sonntag, 24. April 2022

Agra 2022 - Teil 1

Am Freitag war ich auf der diesjährigen Agra in Leipzig. Die fand letztmals 2019 statt und damals war ich nicht dort weil es wegen der Arbeitseinteilung nicht geklappt hatte. So ist es halt mit Kühen, die brauchen 365 Tage im Jahr Betreuung. Letztmals war ich also 2017 dort, auch schon wieder 5 Jahre her...

Und die letzte Messe überhaupt die ich besucht habe war die Agritechnica 2019 (siehe auch Posts vom 27.11.0219 und 30.11.2019). Nach zweieinhalb Jahren "Endlich wieder Messe!" wie es letztens die DLG geschrieben hatte.

In den Hallen waren einige Flächen frei, wahrscheinlich genauso zur Seuchenprophylaxe wie die aufgedrehte Lüftung, die merkte man deutlich. 

Zur aktuellen Stimmung in der Landwirtschaft fiel mir vor allem auf, dass die Vertreter der (Mineral-)Futterfirmen der Meinung waren, dass die Milchpreise ja so kräftig gestiegen wären.
Zwar waren im März die Milchpreise im Durchschnitt so + 35% zum Vorjahr, aber:
Kraftfutter + 55 %
Diesel + 50 % 
Mineraldünger + 100 - 200 %
Es ist aktuell nur eine abartig hohe Inflation und man kann nur hoffen, dass die EZB mal den Arsch hochkriegt...
 
Bei der Tierausstellung war nach der langen Zeit der Geruch der Holzhackschnitzel ungewohnt und auch dass die Rinder auf der Agra immer noch angebunden gezeigt werden, auf der Mela sind sie seit 2015 freilaufend (siehe Post vom 14.09.2015).
Im Tierschauring wurden hier Fleischrinder verschiedener Rassen gezeigt. Leider kein gutes Foto habe ich vom Limousin-Deckbullen Famos vom LVG Köllitsch, wo wie auf eine Lebendmasse von 1.200 kg geschätzt haben; aber dann wurde gesagt, dass er 1.580 kg wiegt:
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die Aufstellung der verschiedenen Schafrassen; in der Mitte der Reihe sieht man ein Lamm entlang rennen, die waren frei laufend bei ihren Mutten dabei. Bei Kälbern kann man sowas nicht machen, die müsste man dann auf dem Freigelände einfangen...
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Fortsetzung folgt!
 
Benjamin

Donnerstag, 21. April 2022

Große Erfindungen - Futtermischwagen

Die zweite große Erfindung ist der Futtermischwagen als Mechanisierung für die Futtervorlage. 
Je nach Ausführung kann der Futtermischwagen das Futter aus dem Silo bzw. Lager aufnehmen, die einzelnen Komponenten mischen, zum Stall transportieren und entlang der Futtertischs ausdosieren.
Neben der Mechanisierung ergeben sich die Möglichkeiten der TMR-Fütterung: Alle Futterkomponenten zusammen, dass die Kuh nicht wählen kann und mit jedem Bissen das richtige Verhältnis der Nährstoffe zueinander fristt. Das vermeidet Schwankungen des pH-Werts im Pansen durch ungleichmäßige Stärkeaufnahme, was die Pansenmikroben beeinträchtigt (Subklinische Pansenacidose - SARA).
 
Zur Geschichte des Futtermischwagens: Da sind verschiedene Entwicklungen ineinander geflossen. Wie die Siloblockschneider mit Verteilvorrichtungen oder Querförderbänder an Ladewagen für Frischgrasfütterung.
Wie ich 2015 zum Grünen Wochenende in Iden war (siehe auch Post vom 14.09.2015) sprach ich im Agraneum (-> Link hier) mit einem pensionierten Wissenschaftler, der mir erzählte wie er Ende der 1960er am damaligen Institut für Rinderproduktion Iden-Rohrbeck der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR einen Futtermischwagen entwickelt hat. Auf einem IFA W50 montiert wurden darin Silage und Kraftfutter gemischt. Zu einer Serienfertigung kam es aus politischen Grüden nicht, denn es wurde auf stationäre Fütterungssysteme gesetzt, wie die Überkopf-Bänderfütterung in den 1930er Anlagen (siehe auch Post vom 25.08.2016). 
In Deutschland verbreiteten sich die Mischwagen dann in den 1990ern wie in den Neuen Ländern die Anbindeställe (wie die L203, siehe Post vom 09.01.2017) mit Bandfütterung auf Boxenlaufställe mit Futtertischen umgebaut wurden und in den Alten Ländern zunehmend größere Ställe gebaut wurden.

Futtermischwagen lassen sich nach mehreren Kriterien unterscheiden. Traktorgezogen oder Selbstfahrer, Selbstbefüller mit Fräse oder Schneidschild und Fremdbefüller und nach dem Mischsystem. Die meisten sind Vertikalschneckenmischer, die eine bis vier kegelförmige Mischschnecken haben, dann Horizontalschneckenmischer mit einer, zwei (parallel), drei (eine unten, zwei oben) oder vier (zwei unten, zwei oben) horizontale Mischschnecken und seltenere Bauformen wie Passelmischer mit einer horizontalen Paddelwelle, Haspelmischer oder Kettenmischer, die eine umlaufende Kette mit Mitnehmerleisten wie bei einem Kratzboden haben.
 
Der Mischwagen, den mein Stammbetrieb LVAV Hofgut Neumühle von 2003 bis 2009 hatte: RMH CS. Ein selbstfahrender Fräsmischwagen mit (vier) horizonzalen Mischschnecken. Horizontalmischwagen erkennt man an der kastigen Mischwanne, Vertikalmischer sind trichterförmig:
 

 


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Keenan easi-Feeder 115, 11,5 m³ Haspelmischer, gezogener Fremdbefüller:
 

 


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wiegecomputer sind heute eigentlich Standard und es gibt viele weitere Zusatzausstattungen wie Strohgebläse zum Einstreuen oder -häcksler um Langstroh zu zerkleinern oder den NIRS-Sensor (-> siehe hier) um den Futtermischwagen nicht nach Frischmasse sondern nach tatsächlichen Nährstoffen zu beladen.

Benjamin

Sonntag, 17. April 2022

Große Erfindungen - Hoflader

Diese Mini-Serie beruht auf einer Aussage meines Bruders vor so anderthalb Jahren was er denn für die wichtigsten Erfindungen für die Arbeit in der heutigen Milchkuhhaltung hält. Und da stimmte ich ihm sofort zu und auch später fielen mir keine wichtigeren Erfindungen ein.

Erste Erfindung ist der Hoflader für die Erleichterung der körperlichen Arbeit im Stall: Ausmisten, Einstreuen, Futter ranschieben, Fegen, Transportarbeiten und auch Füttern in kleinerem Maßstab; wobei das Beispiel Pinnow mit dem Beladen des Mischwagens für knapp 800 Kühe mit einem höheren Arbeitszeiteinsatz ein großer Maßstab ist.
Kurzum der Hoflader ist eine Mischung aus motorisierter Schubkarre und motorisierter Forke. Eine kompakte Motormaschine für den Indoor-Einsatz.

Die Bedeutung des Hofladers verdeutlichen auch die Aussagen zweier Berusfkollegen, einmal "Hätten wir viel früher anschaffen sollen!" und "Nach der Aufgabe der Landwirtschaft haben wir bis auf den Hoflader alle Maschinen verkauft."
In meiner landwirtschaftlichen Zeit über die letzten 14 Jahre hatte ich zu 99 % einen Hoflader zur Verfügung und da wird man bisweilen kreativ für was man den alles verwenden kann: Als nicht arbeitsschutzkonforme Hubbühne, zum Einfangen von ausgebüxten Färsen oder zum Löschwassertransport (vgl. Post vom 22.07.2014).

Geschichtlich würde ich die Entwicklung des Hofladers in einen ostdeutschen und westdeutschen Entwicklungszweig aufteilen.
Der ostdeutsche Zweig setzte schon sehr früh auf Frontladertraktoren mit den Geräteträgern RS08 und RS09 die später von den Zetor 5211 abgelöst wurden und der Fortschritt Stallarbeitsmaschine HT 140, sie speziell für die Stallarbeit entwickelt war. Die scheinen aber vergleichsweise selten gewesen zu sein, ich habe bisher nur eine einzige in außerlandwirtschaftlicher Verwendung gesehen.
Beim westdeutschen Zweig kam es erst Anfang der 1970er Jahre zu Entwicklungen, allen voran der Weidemann Hoftrac als Urtyp der heutigen Hoflader. Ein kleiner knickgelenkter Radlader mit beosnders kompakten Abmessungen.
 
Der Urahn des Weidemann Hoftrac 2013 auf der Agritchnica bei der Sonderausstellung "Meilensteine der Landtechnik" des Deutschen Landwirtschaftsverlags:
 

 



















Die allermeisten Hoflader sind Knicklenker mit hydrostatischem Allradantrieb. Im Hinterwagen sitzt der Motor und oben drauf der Fahrer, auf dem Vorderwagen ist der hydraulische Hubarm. Die Motorleistung liegt zwischen 15 und 50 kW, die Einsatzmasse zwischen 1,5 und 4 t. Die Übergänge zu Radladern sind fließend, wobei Hoflader deutlich kompakter gebaut sind. 
Die Knicklenkung hat gegenüber der Achsschenkellenkung eines Frontladertraktors den Vorteil sich "um die Ecke biegen" zu können was das Manöverieren auf engem Raum und das seitliche Verschieben des Werkezeugs sehr erleichtert.
 
Hersteller von Hofladern gibt es viele in Deutschland und im Ausland. In einer Umfrage der Bauernzeitung letztes oder vorletztes Jahr hatte Weidemann mit gut 50 % den höchsten Anteil, gefolgt von Schäffer mit 15 %. Wenn ich so überschlage bin ich bisher 18 verschiedene Hoflader gefahren, davon 14 Schäffer, 3 Weidemann und 1 Giant.
Der Erste in dieser langen Reihe: Ein Schäffer 3045. Im April 2008 auf meinem Stammbetrieb LVAV Hofgut Neumühle.Mit dem bin ich so viel gefahren, dass ich zwischenzeitlich vergessen hatte beim Autofahren die Kupplung zu treten... Später wurde der mit einem Fahrerschutzdach nachgerüstet wie es heute Vorschrift ist:



 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
In den 2000er Jahren kamen Teleskop-Hoflader auf, bei denen die Schwinge der Hubarms durch einen Teleskoparm ersetzt ist und so mehr Hubhöhe ermöglicht, vor allem beim Ballenstapeln.
Als Beispiel der Schäffer in Pinnow, den ich als oberes Ende bei der Größe von Hofladern einsortieren würde:
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
In die gleiche Richtung gehen kompakte Teleskoplader in klassischer Bauform mit Seitenmotor und Allradlenkung. Solch einen kleinen Teleskoplader bin ich noch nicht gefahren und schätze die Übersicht bei den klassischen Hofladerarbeiten als schlechter ein.
Das Foto ist 2012 auf einem Hof in NRW entstanden, wo ich erstmals so einen Teleskoplader gesehen habe:
 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Dann gibt es noch die Kompaktlader (Englisch Skid Loader; "Bobcat") mit Panzerlenkung. In Nordamerika sind die weit verbreitet, 2014 in Idaho kann ich mich nicht dran erinnern aber laut Uwe waren das 2015 in Wisconsin ähnliche Schlüsselmaschinen wie bei uns die Hoflader.
In den Videos von Jan Kielstra und Eric Weaver sieht man deren vielfältigen Einsatz,
Ich selbst bin noch keinen Kompaktlader gefahren und habe auch noch keinen im landwirtschaftlichen Einsatz gesehen, mir fallen gerade mal drei Höfe in Deutschland ein von denn ich das weiß.

Fortsetzung folgt!

Benjamin

Mittwoch, 13. April 2022

ZWS 2204

ZWS 2204 ist die Abkürzung für Zuchtwertschätzung April 2022, die letzte Woche veröffentlicht wurde. Intern beim VIT glaube ich ist die Zuchtwertschätzung tagesaktuell, für die große Öffentlichkeit gibt es im April, August und Dezember die Veröffentlichungen an denen sich das Spermaangebot der Zuchtorganisationen dann ausrichtet.

Es war jetzt die fünfte bei der Hype (siehe auch Posts vom 08.08.2016 und 09.08.2017) als töchtergeprüfter Bulle (siehe auch Post vom 03.12.2020) dabei war mit inzwischen über 3.000 Töchtern! Davon sind bis auf 16 alle aus Deutschland. Und für die Exterieureinstufung fast 1.000 Töchter, ausschließlich aus Deutschland. 
Entsprechend sind auch die Sicherheiten der Schätzung det einzelnen Zuchtwerte fast alle auf über 90 % gestiegen.
In der Spalte der Milchzuchtwerte rechts unter PM (Probemelken = Milchleistungsprüfung) sieht man, dass jetzt auch schon welche in der 2. Laktation sind. 
 
Unter den neuen Bullen habe ich natürlich auch geschaut was es da Interessantes gibt. Bei RZ€ > 2.000 (für Wirtschaftlichkeit), hornlos (um sich mittelfristig das Enthornen zu sparen), mittlere Größe und positiver BCS (um im Typ gegenzusteuern) blieben nicht viele übrig. Dabei ist mir Star P wegen seines Züchters ins Auge gesprungen: Die Diehl GbR aus Erzenhausen. Ist quasi in meiner alten Heimat und einer der besten Betriebe in Rheinland-Pfalz:
 
Benjamin

Samstag, 9. April 2022

Erste Blüten

Der Krokus ist ein Cheater, aber für mich sind die ersten Blüten anderer Arten ein wichtigeres Zeichen für den beginnenden Frühling. 
Die letzten beiden Wochen kam der Winter noch einmal zurück. Schnee im April ist nicht außergwöhnlich aber kommt auch nicht jedes Jahr vor. So ist das Wetter momentan kalt und regnerisch.
 
Die ersten Blüten dieser Saison:
 
Für den Kuhblog habe ich die deutschen und lateinischen Namen recherchiert, weil ich nur die umgangssprachlichen kenne.
 
Gelbe Narzisse, Narcissus pseudonarcissus. Auf Rheinhessisch Oschderglogge, nach dem hochdeutschen Osterglocke, weil sie um Ostern rum blühen.
 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Gewöhnlicher Löwenzahn, Taraxum sect. Ruderalia. Auf Rheinhessisch Ajerpitsch, was ins Hochdeutsche übersetzt "Eierpfütze" bedeutet, weil die gelben Blüten an die Eidotter aufgeschlagener Eier erinnern. Löwenzahn hat zwar einen hohen Futterwert aber auf Wiesen bringt er mengenmäßig nicht viel Ertrag und kann sich in lückigen Beständen breit machen. Und hat die berühmte Anspruchslosigkeit an den Boden, da reicht feuchter Dreck in einer Fuge:

Benjamin
 

 

Dienstag, 5. April 2022

Zur Kälberaufzucht

In den letzten zwei Jahren war ich nur auf zwei Veranstaltungen gewesen: Im Oktober vom Besamungsverein und auf dem Besamerstammtisch. Heute war ich endlich mal wieder unterwegs und zwar bei einer Veranstaltung der Landwirteakademie von MSD. Ich war beim Präsenzteil, es gab aber auch eine Online-Übertragung; dieses Hybrid-Format ist vielleicht eine positive Folge von Corona.
Thema war die Kälberaufzucht: "Heute Prinzessin - morgen Königin! Was beeinflusst die Kälbergesundheit?" Im Thema schon verdeutlicht, dass wir längst von dem Großhungern weg sind.

1. Vortrag "Parasitäre Durchfallerreger beim Kalb" von Prof. Daugschies von  der Uni Leipzig. Noch einmal detailiert auf Kokzidien und Kryptosporidien eingegangen. Wenn man die einmal hat kriegt man sie nie wieder los, kann sie aber vor allem durch Hygiene und Management klein halten. 

2. Vortrag "Und immer wieder Neugeborenendurchfall..." von Dr. Stoll von MSD. Eigentlich ein Rundumschlag über gute Koloestrumversorgung: Hohe Qualität, große Menge, schnell, sauber ermolken und die Messung des IgG-Gehalts. 
Die Empfehlung der Ad-Libitum-Tränke (machen ja längst nicht alle) und die Vertränkung der Transitmilch die vom Zweitgemelk bis zur verkehrsfähigen reifen Milch nach dem 5. Tag anfällt und weiterhin eine positive Wirkung hat.
Für die Mutterschutzimpfung gibt es auch Impfstoffe gegen Rindergrippe, bisher kannte ich nur die für Durchfallerreger (siehe Post vom 14.12.2019). Ist das gleiche Prinzip, dass die Kuh geimpft wird, sie bildet Antikörper die ins Kolostrum eingelagert werden und das Kalb dann als Schluckimpfung bekommt.

3. Vortrag war Aktuelles vom LKV. Über den Jahresabschluss der Kontrolljahrs 2020/21. In den Neuen Bundesländern waren noch knapp über 600.000 Kühe in der Milchkontrolle. Die Zahl ist weiter stark gefallen. 2012/13 waren es noch rund 750.000 gewesen. Im Gegensatz zu den alten Ländern fallen da die Kühe nicht raus weil die Milchkontrolle aufgegeben wird sondern die ganze Milchproduktion.
Neuerungen gibt es bei den Abgangsgründen, da wurde neu "agressives Verhalten in der Herde" (= auf Mann gehen) und "agressives Verhalten beim Melken" (= ständig Melkzeug abtreten) eingeführt. Bisher konnte man das nämlich nur unter "Sonstiger Abgangsgrund" eingeben wenn deswegen eine Kuh rausgeflogen ist. Im Herde gibt es das aber noch nicht, wahrscheinlich dann im nächsten Update.
Neue Berechnungen sind Q-Check für Tierwohlmonitoring, für das Daten aus der HIT-Tierdatenbank, der Milchgüte der Molkereien und der Milchkontrolle zusammengeführt werden mit Kennzahln für Eutergesundheit, Stoffwechselstabilität (Fett-Eiweiß-Quotient) und Tierverlusten.
Zwei Anwendungen die die aktuellen Milchanalysegeräte können und in den Umfang der Milchkontrolle aufgenommen wurden: Einmal das Ketosemonitoring (zur Ketose siehe auch die Posts vom 12.08. und 14.08.2019) anhand des Betahydroxybutyrats in der Milch und die Zellzahldifferenzierung, bei der die Zellen in der Milch differenziert werden können und man daraus schließen kann in welchem Stadium der Entzündung es gerade ist, da die Milchkontrolle eine Momentaufnahme ist.

4. Vortrag "Mit Vollgas in die Zukunft - gibt es Konzepte in der Milchviehhaltung, die überzeugen?" von Dr. Römer von der Landesforschungsanstalt Mecklenburg-Vorpommarn. Diesen Vortrag habe ich in ähnlicher Form schon mal 2020 in Iden gehört (siehe Post vom 13.03.2020).
Als Nachfolgeprojekte finden jetzt in Zusammenarbeit der ganzen Versuchsanstalten und Landwirtschaftskammern einmal "Gesamtbetriebliches Haltungskonzept Rind" und "Ställe der Zukunft" statt bei dem drei Konzeptställe unter jeweils einem der drei Kriterien Tierwohl, Emissionsminderung und Ökonomie optimiert und gebaut werden sollen um Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Benjamin

Freitag, 1. April 2022

Stalljubiläum

Und schon wieder ein Kapitel der Geschichte "Wie schnell doch die Zeit vergeht": Heute hatte ich mein 14. Stalljubiläum. Kuhjubiläum ist es keines, denn ich habe mit Kälbern angefangen.

Am 1. April 2008 begann ich in meinem Stammbetrieb Hofgut Neumühle mit dem Vorpraktikum für das Agrarstudium. Das waren drei Monate lang ein Großteil der tierischen Erzeugung: Kälberaufzucht, Bullenmast, Mutterkuhhaltung, Schafhaltung, Milchkühe, Ferkelproduktion und Schweinemast. 

Angefangen habe ich damals beim im Kuhblog oft erwähnten Kälber-Fütterungsversuch zur Kälber-Trocken-TMR mit Luzerneheu. Das waren 40 Fleckvieh-Bullenkälber von 38 verschiedenen Betrieben aus Baden-Württemberg die auf einer Kälberauktion gekauft worden waren. Die Gesundheitssituation war für mich als Praktikant intensiv-lehrreich.

Es sind noch immer Kälber, die Farbe ist teilweise noch dieselbe, aber schon seit fast 12 Jahren ausschließlich Holsteins:

Benjamin 


Montag, 28. März 2022

Vor 25 Jahren

Schon so lange her... Das Foto ist heute vor genau 25 Jahren von meinem Vater aufgenommen worden. Das hatte ich vor einige Zeit auf meinem alten Laptop wieder entdeckt.

2012 schickte er mir das, nachdem er das analoge Foto digitalisiert hatte: "Als Bild hab ich ein Foto drangehängt das ich vor ziemlich genau 15 Jahren geschossen habe, Weisst du was das ist??"
"Natürlich weiß ich was das für ein Foto ist. [...] Kann mich noch daran erinnern, weil ich mich drüber geärgert hab, denn in der Nacht davor, wie ich gekuckt hab, sah man den nicht so gut."


Das Foto zeigt den Kometen Hale-Bopp. Der bedeutenste Komet des 20. Jahrhunderts und auch der einzige den ich bisher gesehen habe. 
Mein Vater mit seinem Interesse an Astronomie hat mich da schon geprägt: Die Sonnenfinsternis 1999, wo wir ins Elsass gefahren sind, weil es dort als totale Sonnenfinsternis zu sehen war, den Venustransit 2004, Mondfinstenisse, Überflüge der ISS und Besuche im Planetarium Mannheim.
Über zwei Sonnenfinternisse zu Kuhblog-Zeiten habe ich berichtet: Siehe Posts vom 20.03.2015 und 10.06.2021

Benjamin
 

 

Donnerstag, 24. März 2022

Im Schwarzwald

Letzte Woche war ich digital im Schwarzwald. 
Das war eine Olnline-Veranstaltung des Projekts EIP Rind. Die Koordination liegt bei der Hochschule Nürtingen und dem LAZBW Aulendorf. EIP Agri sind von der EU geförderte Projekte im Agrarbereich, in denen Innovationen durch die Zusammenarbeit von Forschung, Praxis und Industrie umgesetzt werden und als Schrittmacher wie es früher hieß zu wirken.
Es geht um Stallbau mit innovativen Lösungen für Tierwohl, Nachhaltigkeit  und Umweltschutz, vor allem Kuhkomfort und Reduktion von Ammoniakemmissionen.

Jeden Monat gibt es bei einem der teilnehmenden Betriebe eine virtuelle Stallbesichtigung. Gastgeber im März war Familie Hermann, die Bio-Milchviehhaltung im Südschwarzwald betreiben. Für mich ganz ungewohnte Dimension. Auf 1.000 Höhenmeter gelegen mit fünf Monaten Schnee im Jahr wo es außergewöhnlich ist, dass jetzt im März keiner lag. Ein reiner Grünlandbetrieb mit möglichst viel Weidehaltung. Als Rasse Vorderwälder, auch wenn man zwei Braunvieh im Jungviehbereich sah. 

Der Juniorchef machte eine Führung durch den Stall die gefilmt und im Meeting gezeigt wurde, über ein Headset mit der Moderatorin verbunden konnte er Fragen beantworten und auf Details näher eingehen. Richtig interessant und so war es trotz rund 100 Teilnehmern wie eine private Stallführung. Ein klasse Format!

Das Projekt war eine Stallerweiterung auf 40 Kuhplätze. Der ursprüngliche Stall war alles unter einem Dach: Der Heuboden, Tiefsilos für Silage, Kuhstall mit dem Futtertisch quer durch das Gebäude und Melkstand. Die Erweiterung wurde in Verlängerung des Futtertischs gebaut. 
Wichtige Punkte waren der Fesskomfort durch Platzteiler alle zwei Fressplätze, dass sich die Kühe nicht gegenseitig verdrängen können. Unüblich die Ausführung mit kurzen freitragenden Brettern von 50 cm Länge, dass der Spaltenroboter (Lely Discovery 90SW) unten durch fahren kann. 
Dann Stehkomfort, dass die Kühe in Ruhe mit allen vier Füßen in den Liegeboxen stehen können. Das ist eine ganz andere Herangehensweise, weil auch ich immer den Blick darauf gerichtet habe, dass die Kühe sich hinlegen, weil die stehende Kuh die Hinterklauen stärker belastet und die auf dem Gang im Dreck stehen. Das gilt aber nicht für die Kühe die mit allen vier Füßen in der Box stehen. Dafür haben die Boxen eine Nackenkette und das Querrohr wurde auf 1,60 m hochgesetzt. Die Liegeboxen sind als Tiefboxen ausgeführt mit den Gummimatten Kraiburg Polsta in der vorderen Hälfte um den Einstreubedarf zu senken. Da Einstreu auf einem Grünlandbetrieb eh knapp ist, aktuell werden Dinkelspelzpellets verwendet, die recht teuer sind aber eine sehr gute Saugkraft haben.
Laufkomfort durch die Verwendung von Gummimatten auf allen Stallböden, auch in der Abkalbebox unter der Einstreu. Auf den Gängen sind es drei verschiedene Spaltenbodenbeläge von Kraiburg: Die Standardvariante, dann die PediKURA mit Korund zum stärkeren Klauenabrieb und die KURA SB, bei der durch die Oberflächenform Urin merklich schneller abfließt, was auch die Ammoniakemissionen reduziert.
Für Emissionsreduzierte Spalten, dass Ammoniak nicht aus den Güllekanälen ausgast hat Familie Hermann ein eigenes System entwickelt; unter den Spalten sind dachförmige Kunststoffplatten angebracht, die mit Gummilippen abgedichtet werden. So kann Kot und Urin nach unten durchrutschen, Gase aber nicht nach oben entweichen.

Ein Screenshot mit Blick von der Empore (Projektteil Öffentlichkeitsarbeit) am Heuboden über den Futtertisch. Das ist ein Stichfuttertisch hinter dem sich ein Quergang befindet über den die Kühe die Futtertischseite wechseln können. Vor dem Quergang parkt der Futtermischwagen der nur im Winter benutzt wird. Im Sommer sind die Kühe auf der Weide und werden im Stall mit Frischgras und Heu zugefüttert. Es ist ein elektrischer Mischwagen von Kuratli. Die Stromversorgung erfolgt über ein Schleppkabel, da der Mischwagen sich nur auf dem Futtertisch bewegt bis zur Einfüllöffnung vom Heuboden; das ist auch dem Winterwetter angepasst:
 
Benjamin
 

 


Sonntag, 20. März 2022

Endlich Frühling!

Um 16:32 war Tag- und Nachtgleiche, jetzt steht die Sonne also schon nördlich des Äquators und wir haben astronomisch Frühling.

Irgendwie habe ich dieses Jahr länger auf den Frühling gewartet als die letzten Jahre. Der Winter war sehr mild, aber die erste Märzhälfte war dann schon recht kalt, zwar total sonnig und bis auf einen Tag keinerlei Regen und vor allem fast jede Nacht Frost und bis es Vormittags wieder in die Plusgrade ging ist man gefühlt im Winter hängen geblieben.
 
Das Wetter jetzt macht richtig Laune  für einen Wochenendspaziergang im Feld; 13 Grad, strahlender Sonnenschein und die Bäume treiben aus:
 
Benjamin
 

 
 

Mittwoch, 16. März 2022

Polia

Polia ist gut drei Wochen alt und auf den ersten Blick ist sie ein ganz normales schwarzbuntes Kalb. 
Als ich ihre Zuchtwerte bekommen habe war ich mehr als erstaunt: Sie ist hornlos, was bei ihrer Abstammung auch zu erwarten war und vor allem: Sie hat einen RZG von 151! Das ist 4,25 Standardabweichungen über dem Populationsmittel und der bisher beste Gesamtzuchtwert den ich nach mittlerweile über fünf Jahren Genotypisierung hatte. Also von der Häufigkeit nicht mal im Promillebereich.

Ihre Abstammung:
 
  x Sunday P 811522 (von ihm kommt die Hornlosigekeit)
   x Police 507157 (von ihm stammt das Poli... im Namen)
     x Laudan 810695 (also eine "richtige" Brandenburgerin)
      x Argument 460219 

Ihre Zuchtwerte:



   

















Also fast ganz perfekt: Gesund und Leistungsstark. Strichlänge und Melkbarkeit (RZD) hätte ich zu bemängeln... Aber ansonsten kommen die RZG 151 schließlich nicht von ungefähr.

Und natürlich ein Foto von ihr:

Benjamin



Sonntag, 13. März 2022

Kolostrumdieb

Ein Schnappschuss wie Mikesch in der Kälberküche aus einer Kanne mit frischem Kolostrum säuft oder besser gesagt nascht, denn richtig kam er bei der halbvollen Kanne nicht ran. Mit der linken Pfote stützte er sich auf dem Rand ab und die rechte tauchte er ein und leckte sie dann ab. Schien mühsam zu sein aber er störte sich gar nicht an meiner Anwesenheit und ließ sich ja auch fotografieren.
 
Die Katzen bevorzugen eindeutig Kolostrum gegenüber dem Mischkolostrum der Folgegemelke oder der reifen Milch später als fünf Tage. Das mag bestimmt am höheren Fettgehalt und dem hohen Gehalt an Eiweiß (Immunglobuline, siehe auch Post vom 16.06.2021) liegen.  
Trotz Leben mit Kuh habe ich noch nie richtig Kolostrum probiert. Man soll von dem hohen Fettgehalt Durchfall bekommen und außerdem will ich den Kälber auch nicht das Kolostrum als wichtigste Mahlzeit im Leben wegsaufen, dafür ist es zu wertvoll. Hatte mich auch vehement dagegen ausgesprochen als die Geschäftsführung vor ein paar Jahren mal eine Anfrage von einer Firma bekam die "überschüssiges" Kolostrum für die Herstellung von Kolostrum-Pillen abkaufen wollte.
Nur einmal habe ich eine Fingerspitze gefrorenes Kolostrum probiert, wo der Eimer hinten im Kühlschrank gestanden und sich etwas Eis gebildet hatte. Das hat mich etwas an Pfirsisch-Eis erinnert und mich spontan neugierig gemacht; schmeckte aber nach gar nix außer recht cremig.

Benjamin



Donnerstag, 10. März 2022

Generationsintervall

Zuchtfortschritt gibt es mit jeder Generation wenn die Gene neu gewürfelt werden; mit der Vorraussetzung, dass die Eltern besser sind als der Populationsdurchschnitt.
Mit dem Generationsintervall kommt noch eine zeitliche Komponente hinzu, wie oft Zuchtfortschritt stattfindet.

In den Zuchtfortschritt fließt die Abweichung der Eltern zum Populationsmittel ein, z.B. die Milchzuchtwerte + 725 kg, + 1283 kg usw. 
Das wir mit der Selektionsintensität verrechnet, das ist der Anteil der Tiere die für die Erstellung der nächsten Generation eingesetzt werden. Umso höher desto niedriger ist der Anteil an der Population und so gentisch besser können die Tiere sein wenn man immer die besten "von der Spitze her" nimmt.
Über die Standardnormalverteilung werden da die Zuchtwerte berechnet, an denen man sie htzum wieviel besten Teil der Population diese Weret gehören. Hier habe ich grob die Relativzuchtwerte (RZ, z.B. Milch, Nutzungsdauer usw., die berechnen sich statistisch alle gleich). Die erste Zahl ist der Mindestzuchtwert den das Tier erreichen müsste, die zweite der durchschnittliche über alle selektierten Tiere.

Kühe/Färsen: 100 % alle Tiere werden für die Remontierung eingesetzt; RZ 0 / RZ 100
Kühe/Färsen: 25 % besten Tiere mit gesextem Sperma; RZ 108 /  RZ 114
Kühe/Färsen: 5 % besten Tiere über Embryotransfer; RZ 120 / RZ 124

Bullen: 1 % besten Tiere als Deckbullen; RZ 128 / RZ 131
Bullen: 0,1 % besten Tiere als Besamungsbullen; RZ 137 / RZ 139
Bullen: 0,01 % besten Tiere als Besamungsbulle; RZ 145 / RZ 147

Mit Relativzuchtwerten bis über 160 die es bei den Bullen gibt sieht man wie stark die Selektion ist, das sind dann von den Millionen Holsteins weltweit die Allerbesten.
 
Dann fließt die Sicherheit der Zuchtwertschätzung mit ein. Bei der genomischen Zuchtwertschätzung die einzig auf dem Genom der Tiere beruht liegt die Sicheheit im Schnitt bei knapp über 70 %, bei den Einzelmerkmalen von unter 40 bis 80 %.

Als Beispiel der Bulle Canitz, den wir im Testherdenprogramm aktuell im Einsatz haben:
Und zum Vergleich Laudan mit Sicherheiten in allen Zuchtwerten von durchgehend 99 %. Da stehen aber auch über 80.000 Töchter dahinter, die mit der Töchterzuchtwertschätzung eingeflossen sind.   

Das Generationsintervall ist das durchschnittliche Alter der Eltern bei der Geburt der nächsten Generation. Es kommt dann dazu, wie lange es dauert bis der Zuchtfortschritt umgesetzt werden kann. 
Am Beispiel hätte Canitz jetzt versamt einen Milchzuchtwert von + 1804 kg mal 73 % Sicherheit durch 1,92 Jahre Generationsintervall (Kalb am 13.12.2022 geboren). Wären 686 kg/Jahr Zuchtfortschritt von ihm, davon fließt aber nur die Hälfte ein, weil die Mutter die andere Hälfte beisteuert.
Für Laudan wären es + 46 kg mal 99 % Sicherheit durch 24,17 Jahre Generationsintervall = 2 kg/Jahr. Dabei ist aber zu bedenken, das da 24 Jahre Zuchtfortschritt der gesamten Population dazwischen liegen, mittlerweile sind unsere Kälber meistens seine Ururenkelinnen, da hat nicht nur einmal sondern schon viermals Zuchtfortschritt stattgefunden.

Das Generationsintervall fließt wieder von beiden Seiten, Mutter wie Vater ein und das unterscheidet sich schon stark.
 
Allgemein zu den Bullen, auch als Kuhväter
Die allermeisten Bullen (80 - 85 %) sind die genomisch getesteten Jungbullen, die mit etwas über einem Jahr in den Ersteinsatz gehen und dann ein bis zwei Jahren lang eingesetzt werden. Bei der Geburt der Kälber sind sie dann knapp zwei bis vier Jahre alt.
Bei den töchtergeprüften Bullen dauert es deutlich länger bis sie in den breiten Wiedereinsatz kommen. Etwas über ein Jahr in den Testeinsatz, neun Monate Tragezeit der Kälber, dann zwei Jahre Erstabkalbealter der Töchter bis sie Milch geben und man überhaupt eine vererbbare Milchleistung des Bullen kennt. Bis genügend Töchter abgekalbt haben und drei Monate in Milch sind für eine sichere Zuchtwertschätzung ist der Bulle inzwischen gut vier Jahre alt. Im Wiedereinsatz sind es noch mal neun Monate bis zu Geburt der Kälber und dann noch eine Zeit lang in der Besamung verwendet sind es so um die 6 Jahre Generationsintervall.

Bei den Bullenvätern ist es noch eine krassere Verkürzung. Früher waren die Bullenväter nicht die allerneusten töchtergeprüften Bullen sondern welche die schon einige Töchter mehr hatten. Sieht man schön in den Stammbäumen, da ist in den Bullenlinien meist ein 7-Jahre-Takt drin gewesen. Heute wird das erste verfügbare Sperma der Jungbullen für die allerhöchsten Anpaarungen verwendet wie im Embryotransfer. Da ist das Generationsintervall unter zwei Jahren.

Bei den Bullenmütter hat es sich auch stark verkürzt, waren es früher die besten Kühe, die sich meist über zwei Laktationen bewährt hatten und dann nach dem dritten Kalb in den Embryotransfer gingen. Bis diese Kälber von den Trägertieren dann ausgetragen, so waren sie 5 bis 6 Jahre alt.
Heute sind die Bullenmütter fast ausnahmslos Färsen mit hohen Zuchtwerten und da ist das Generationsontervall um und auch deutlich unter zwei Jahren.

Bei den Kuhmüttern hängt es von der Kalbenummer ab. Von einer Färse ist es das Erstkalbealter, um die zwei Jahre. Bei einer Zweitkalbskuh meist etwas über drei, beim dritten Kalb Richtung viereinhalb usw. Da gibt es mit die größten Einflussfaktoren, wie z.B. gesextes Sperma bei Färsen einzusetzen oder aber auch bei Kühen oder die Nutzungsdauer auf dem Betrieb was die Anteile der Kalbenummern schon stark verschieben kann.

Mit der genomischen Zuchtwertschätzung hat sich das Generationsintervall auf der Bullenseite (Bullenväter, Bullenmütter) stark reduziert und dadurch ist der Zuchtfortschritt angestiegen. Da haben alle Zuchtwerte 2010 einen Knick nach oben gemacht.

Benjamin

Montag, 7. März 2022

Kuhväter und Bullenmütter

Ganz allgemein mal über Rinderzucht. 
Rinderzüchter ist auch ein Teil meines Berufs, aber ich definiere mich weniger als solcher, da die Zucht nur ein Baustein der ganzen Milchkuhhaltung ist. Für den unmittelbaren Erfolg eher klein, langfristig über den Zuchtfortschritt aber sehr groß.
 
Warum Zucht? Zucht ist die Vermehrung von guten Genen in der Population, die gezielte Fortpflanzung von Tieren. Bei der Fortpflanzung werden die Gene neu zusammengewürfelt und über die Zucht werden quasi dafür die Würfel festgelegt.
So kann man die nächste Generation besser machen, sei es langlebiger, weniger Schwergurten oder so Sachen wie die Strichstellung am Euter, das man die Zitzen nicht über dem Melkbecher sortieren muss weil sie zu dicht beisammen stehen.
Da für die allermeisten Merkmale ein genetischer Einfluss besteht kann darauf gezüchtet werden, z.B. DDcontrol, die Anfälligkeit für Dematitis Digitalis (Mortellaro; siehe auch Posts vom 08.10.2015 und 28.10.2015). Dafür sind manche Rinder genetisch anfälliger als andere. Und wenn man nur noch die nicht anfälligen Rinder sich fortpflanzen lässt kann man ganz vereinfacht gesagt das Problem wegzüchten. Rein theoretisch zumindest, weil das lange dauern würde und ein einziges Merkmal nicht sinnvoll ist. 

Grundsätzlich ist die Rinderzucht sehr alt, so wurde schon in der Steinzeit die Hornlosigkeit sehr erfolgreich weggezüchtet weil man die Hörner brauchte um die Ochsen daran anzuspannen. Paar tausend Jahre später züchten wird die Hornlosigkeit aus Tier- und Arbeitsschutzgründen wieder zurück, was ein gutes Beispiel für das Auswählen der Würfel ist.
Die organisierte Rinderzucht begann in Deutschland um 1870 mit der Gründung der Herdbücher, in denen die Zuchttiere eingetragen sind und man so überhaupt erst einen Überblick bekam wie man gute Gene weiterverbreiten kann. Ende des 19. Jahrhunderts kam dann die Milchleistungsprüfung mit der man die Milchleistung als wichtigstes Leistungsmerkmal quantifizieren konnte, in den 1960/70ern dann Zuchtwertschätzung und die Rechenzentren mit der EDV. Und 2010 die genetische Zuchtwertschätzung für alle Rinder vom Embryo an.

Die Zuchtwertschätzung wird für die einzelnen Tiere durchgeführt um zu bestimmen welchen Wert sie für die Verbesserung der nächsten Generation haben. Bei einem Bullen kann man nur indirekt die vererbte Milchleistung über seine Töchter bestimmen. Die Wachstumsleistung dagegen mit der Eigenleistung. Daneben gibt es noch den Pedigree-Zuchtwert anhand der Eltern.
Die heute üblichen genomischen Zuchtwerte basieren auf der Genotypisierung des individuellen Erbguts. Auf dem Genom wurden mit hundertausenden Rindern als Vergleichsreferenz (Lernstichprobe) Abschnitte (SNPs) beststimmt, die Einfluss auf die unterschiedlichsten Merkmale haben. Bei einem Kalb kann dann an diesen Abschnitten nachgeschaut werden welche Varianten vorliegen und der Zuchtwert geschätzt werden. Es wird immer nur geschätzt, weil man ja nie weiß was genau kommen wird. Je nach Merkmal beträgt die Sicherheit der Schätzung aber so 50 - 80 % und das schon wenn das Kalb nur wenige Wochen alt ist bzw. eigentlich schon als Embryo aus wenigen Dutzend Zellen.
 
Rinder haben eine recht geringere Reproduktionsrate; fast immer nur ein Kalb und 9 Monate Tragezeit. Da sind Schweine mit vielen Dutzend und Geflügel mit hunderten Nachkommen viel einfacher zu vermehren.
Daher sind die meisten Kühe auch Kuhmütter, denn aus ihren Kälbern wird wieder die nächste Generation Kühe. Ausnahme sind die Mastanpaarungen, aber das ist trotz der Zunahme in den letzten Jahren weiterhin die Minderheit.
Die Kuhväter sind dagegen nur wenige. Seit sich die künstliche Besamung in den 1950er Jahren durchgesetzt hat kann ein Bulle nicht mehr einige hundert Nachfahren haben sondern viele (Zehn)tausende. Es können so auch die allerbesten Bullen ausgewählt werden, die nicht nur hohe Milchleistung vererben, sondern auch gute Eutergesundheit, die gewünschten Körpermerkmale usw. Für die Population der Deutschen Holsteins sind es pro Jahr vielleicht 600.000 Kuhmütter und 300 Kuhväter als Besasmungsbullen die neu hinzu kommen. Deckbullen kann ich schwer schätzen, vielleicht noch mal 10.000, aber die haben nur so 10 % Anteil auf die Töchter bezogen.
Bullenmütter sind die Kühe aus deren Bullenkälber die Besamungsbullen und Deckbullen werden. Da nicht so viele Bullenmütter gebraucht werden sind die Auswahlkriterien viel strenger. Klassisch ist es für den künftigen Deckbullen die beste Kuh im Stall. Bis in die 2000er hatten die Zuchtorganisation ihren Pool an Bullenmüttern, besonders gute Kühe aus dem ganzen Zuchtgebiet, die dann gezielt angepaart wurden und mit Embryotransfer die nächste Bullengeneration erzeugten. Mit der genomischen Zuchtwertschätzung findet man die guten Kühe schon als Kalb und so sind heute fast alle Bullenmütter bei ihrer Auswahl Färsen. Siehe auch Posts vom 07.02.2015, 14.02.2015, 18.02.2015, 13.03.2015, 06.06.2019 und 11.06.2019.
Die Bullenväter sind die Väter der Bullen, sowohl der Deckbullen als auch besonders der Besamungsbullen und die sind dann auch global gesehen die absolute Spitze.
 
Fortsetzung folgt!

Benjamin

Mittwoch, 2. März 2022

Aktuelles von Taiga

Was Taiga so macht, denn das letzte Mal habe ich von ihr geschrieben als ich sie enthornt habe (siehe Post vom 13.11.2021). Inzwischen ist sie längst abgesetzt und knapp fünf Monate alt.

Beim Absetzen war sie erst 83 Tage alt, da musste ich die Tränkedauer für sie und ihre Kolleginnen in der Gruppe etwas zusammenkürzen weil Platzmangel herrschte. Die alten Kälberställe aus den 1990ern sind einfach zu knapp bemessen.

In diesen 83 Tagen der Tränkeperiode hat sie ungefähr 650 Liter gesoffen mit einer enthaltenen Trockenmasse von rund 90 kg. 

Ihre Krankenakte ist vorbildlich dünn: Stehen nur die Enthornung mit Sedativum und Schmerzmittel sowie die vier Impfungen (siehe auch Post vom 26.12.2020) drin.

Benjamin



Samstag, 26. Februar 2022

Kuhnummern

Im Alltag haben die Stallnummern eine größere Bedeutung als die Namen, denn Nummen können übersichtlicher am Halsband angebracht werden, sind leichter zu merken und auch bei der Datenverarbeitung handlicher.

Wie die Kühe zu ihren Stallnummern kommen. Da kenne ich vier verschiedene Varianten, die ich mit Buchstaben versehen habe nach den Betrieben, auf denen ich sie erstmals gesehen habe bzw. ich mich daran erinnern kann.

System N nach meinem Stammbetrieb LVAV Hofgut Neumühle. Vierstellige Stallnummern bei dem die ersten beiden Ziffern für das Geburtsjahr stehen die dritte und vierte Ziffer sind durchnummeriert im Jahr die geborenen Zuchtkälber. So hatte meine Braunie die Stallnummer 740. Am 15. Dezember 2007 geboren war sie das 40. weibliche Kalb in 2007. Für 07 fällt die führende Null im Computer weg. 
Vorteil dieses System ist dass man an den Stallnummern das Alter der Kuh ablesen kann und davon einigermaßen auch die Laktationsnummer ableiten.
Nachteil ist die beschränkte Kapazität, mit 100 möglichen Nummern pro Jahrgang sind nur Herdengrößen bis 200 - 300 Kühe möglich.
Außerdem können zugekaufte Tiere im Nachhinein schlecht eingeordnet werden können. So bekamen die beiden Braunviecher auf der Neumühle die Stallnummern 1700 und 1800. Siehe auch Post vom 24.07.2020.
 
Braunie 2012 auf der Neumühle:
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
System P nach der Agrargesellschaft Potzlow. Es werden fortlaufend je nach Herdengröße drei oder vierstellige Nummer vergeben. Wenn die letzte Nummer erreicht ist wird wieder von vorne begonnen. Das ist dann nach frühestens 10 bis 15 Jahren der Fall, dass keine Nummern doppelt vorkommen.
Vergeben werden die Stallnummern bei der Geburt, vor der Erstbesamung als Färse oder in den allermeisten Fällen nach der ersten Kalbung zur Eingliederung in die Kuhherde.
Vorteil ist dass man ähnlich wie bei System N ungefähr das Alter und die Laktationsnummer ableiten kann.

System B nach der Agrar Gmbh Boberow. Es ist ein Poolsystem, bei den die Stallnummern keine nähere Bedeutung haben als die tierindividuelle Identifikation. Geht eine Kuh ab wird die Stallnummer nach einer gewissen Zeit an eine neue Kuh vergeben. Die Nummer wird nach der ersten Kalbungvergeben bzw. ich mache es bei der Einstallung in die Abkalbebox weil da ein Fressgitter ist und die Färsen dann schon mit ihrer Stallnummer abkalben und von der Dokumentation wie eine Mehrkalbskuh behandelt werden kann.
Vorteil ist die große Kapazität ohne viele leere Nummern dazwischen. Außerdem wird die Nummer nach dem Halsband vergeben und nicht das Halsband nach der Nummer zusammengestellt. Vor der erneuten Vergabe muss das Halsband nur repariert (kaputte Ziffen etc.) werden. Meiner Erfahrung nach halten die Halsbänder länger als die durchschnittliche Nutzungsdauer einer Kuh von drei bis vier Jahren. 
Nachteil ist die fehlende Zusatzinformation über das Tier in der Stallnummer und dass man die Kuh recht leicht mit Vorbesitzerinnen der Stallnummer verwechselt wenn von denen irgendwas von vor ein paar Jahren im Gedächtnis hängen geblieben ist.

Gisela in Pinnow:



 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
System K nach der Agrargenossenschaft Karstädt. Stallnummer gleich dem 5-Steller der Lebendohrmarke (siehe auch Post vom 26.07.2019). 
Vorteil: Mit der Ohrmarkennummer arbeitet man meist eh schon für die Kälber und Jungtiere, sodass da die "extra" Stallnummer es nicht noch zusätzlich bei den Kühen gibt.
Nach den Vergabezeiträumen der einzelnen Ohrmarkenserien kann man auch eingermaßen das Alter und die Laktationsnummer ableiten.
Nachteil: Man hat immer mit fünfstelligen Zahlen zu tun. Daher ist dieses System auch in eher größeren Herden verbreitet.
 
Bressi 2015 in Iden, sie hatte damals mit 165.000 kg die höchste Lebensleistung des ZTT Iden, die Zweithöchste in Sachsen-Anhalt und die Zehnthöchste in Deutschland:

Benjamin