Freitag, 28. Februar 2020

Nach Ranzig - Teil 1

Letzte Woche bei der Milchtour ging es zur Betriebsbesichtgung zur Agrargenossenschaft Ranzig eG auf die Milchviehanlage Stremmen. Für mich die erste Exkursion in diesem Jahr und auch eine schon lange geplante. Der Produktionsleiter ist ein Studienkollege von mir und da stand ein Besuch schon seit 2012 auf der Liste, wenn auch fast am anderen Ende Brandenburgs schon etwas weiter weg. Nun war die Milchtour endlich ein Anlass dafür.

Die AG Ranzig ist eine der Genossenschaften die sich nicht auf eine einzelne Tierart oder sogar reinen Ackerbau spezialisiert sondern sich breiter aufgestellt hat. Es werden Rinder und Schweinehaltung in ihrem ganzen Umfang betrieben, dazu Schlachtung und Direktvermarktung in mehreren Fleischerläden. Mehr Infos unter www.agrar-ranzig.de und www.landfleischerei-ranzig.de.

Der Milchviehbereich ist in den letzten Jahren in die Spitzengruppe in Brandenburg aufgerückt mit über 11.500 kg Jahresleistung und auch von der Zucht her. So wird intensiv Embryotransfer betrieben und einige Färsen stehen auf der ET-Station in Nückel, wo wir sie auch bei der letzten Testherdentagung gesehen haben (vgl. Post vom 11.06.2019). 

Die weiblichen Tiere werden im Programm KuhVision alle genomisch typisiert, wobei das genetische Niveau im Vergleich zu allen KuhVision-Betrieben in Deutschland durchschnittlich ist bei weit überdurchschnittlichen Kennzahlen. Das ist der Unterschied zwischen Genotyp und Phänotyp, was genetisch vorhanden ist und was daraus gemacht wird, denn die Genetik macht nur 10 - 20 % aus, Haltung, Fütterung und Management haben einen viel größeren Einfluss.

Der Kuhstall für die melkenden Kühe wurde 2003 umgebaut, ursprünglich zwei Typenställe L203 (siehe auch Post vom 09.01.2017), die miteinander verbunden wurden und auf beiden Seiten noch angeschleppt. Von den ursprünglichen Ställen sind nur noch die Ständer und Dachkonstruktionen übrig und der Innenraum komplett umstrukturiert, auf gut 70 m Breite 12 Liegeboxenreihen und 3 Futtertische. Durch die große Breite ist die Querlüftung im Sommer problematisch, sodass viele Lüfter und in einigen Gruppen auch eine Berieselungsanlage installiert sind.
Standard-Futterisch-Perspektive am mittleren Futtertisch:




















Quer vor dem Stall ist die Futterhalle. Als Futtergrundlage dienen Gras-, Mais- und Luzernesilage. Mit den typischen Brandenburger Standortbedingungen - Sandböden mit durchschnittlich 24 Bodenpunkten und Vorsommertrockenheit - wird neben dem Maisanbau insbesondere auf Ackergras gesetzt mit einem Umfang von 300 ha. Ziel ist es für 2020 damit so viel Silage im ersten Schnitt zu ernten, dass davon die Milchkühe das ganze Jahr gefüttert werden können, durchgehend mit höchster Qualität und ohne Leistungseinbußen durch Fütterungsumstellungen. Die ganze restliche Grassilage der Folgeschnitte vom Ackergras sowie vom Dauergrünland geht dann an die Mutterkühe, Jungvieh und Mastrinder. Ein wirklich interessanter Ansatz.
Gefüttert wird mit zwei Personen, eine ist der eigentliche Fütterer und die andere holt die Silage von den Silos in die Futterhalle. Der Mischwagen (Trioliet Solomix 2-1600, 2-Schnecken Vertikalmischer mit 16 m³, und Claas Arion 430 davor) macht pro Tag 25 Mischungen für sämtliche Rinder der Genossenschaft und auch die Boxeneinstreu. Nach drei Jahren ist der nun verschlissen, mal wieder ein Beispiel für hohe Maschinenauslastungen:




















Farbtupfer in der Herde sind einige Jerseys, mit knapp 1.000 Kühen in Brandenburg sind die noch seltener als Rotbunte. Ganz typisch neugierig und gleich vorne am Gatter:




















Fortsetzung folgt!

Benjamin

Sonntag, 23. Februar 2020

Nachruf auf Kyra

Sie war wirklich ein großer Kuh-Fan auf ihre ganz eigene Art.

Stallkatzen kommen und gehen, das ist ein ständiger Wechsel; über wie viele Katzen ich schon hier im Kuhblog berichtet habe. Es sind meist halbwilde Katzen mit einer Bandbreite von recht scheu bis zur sehr anhänglich.
Kyra war aber eine richtige Hauskatze meiner Eltern und doch eine Bauernhofkatze. Sie stammte vom Hof meines Großcousins, der als letzter in der Familie Milchkühe hielt bevor ich wieder damit anfing. Bei Kyras Geburt waren es aber glaube nur noch Mastbullen. Sie sei auf dem Misthaufen aufgewachsen sagten wir darüber.

Wenn ich in den letzten Jahren auf Besuch bei meinen Eltern und dann Sonntagsmorgens zum Melken auf meinem Stammbetrieb Hofgut Neumühle war beanspruchte sie danach meinen Overall. Der Kuhduft-Overall; kaum war man im Hausflur kam sie her und zerrte teilweise schon den Overall aus der Tasche. Erst um sich darauf zu wälzen und dann für viele Stunden darauf zu schlafen, dass keine andere Katze ihn besetzen kann. Irgendwann ist dann der ganze Kuhduft verbraucht.

Am 5. April also dann gleich in die Waschmaschine...

Benjamin 


 

Freitag, 21. Februar 2020

Milchtour - Teil 2

Bei der Vortragsveranstaltung der Milchtour war der dritte Vortrag von Dr. Wippermann von der Klinik für Klauentiere der Uni Leipzig, der am Projekt KUH-mehr-Wert-Navigator beteiligt ist, wo ein System entwickelt wird, dass durch eine kontinuierliche Betriebsanalyse Verbesserungspotential in Milchviehbetrieben erschließen soll. Quasi der Kuhwert (vgl. Post vom 03.02.2018) zur Bewertung der einzelnen Kuh auf die gesamte Herde und ihre Haltung ausgweitet.
Es ging um die Wasserversorgung von Milchkühen, immerhin ist Wasser das wichtigste Futtermittel überhaupt und auch der größte Bestandteil der Milch.
Kühe saufen von 50 bis weit über 100 l Wasser am Tag, in Portionen von rund 10 Litern in einer halben Minute.
In 12 Brandenburger Michviehbetrieben wurde die Tränkewassersituation genau untersucht und vermessen. 
- Wasserqualität ist selten ein Problem, wenn dann geogen bedingt was auch den Geschmack beeinträchtigen kann.
- Verschmutzung durch Kot ist eher selten, mehr durch Stroh und Futter, auch bildet sich ein Biofilm, besonders unter den Verkleidungen von Schwimmerventilen. Beim Futter habe ich die Beobachtung vor dem Zugeben von Wasser in die Ration gemacht, dass vor allem das Mineralfutter sich in den Tränken ansammelt. Eine Reinigung am Tag ist sinnvoll. Das Wasservolumen aller Tränken wäre dabei nicht zu vernachlässigen, weil so pro Kuh und Jahr schnell 2 - 3 m³ in die Gülle fließen. Da die Kuh nur 10 - 15 cm Wassertiefe braucht (die Nasenlöcher sind über Wasser!) sind flache Tränken sinnvoller als Badewannen.
- Ausreichend Tränken. Da wurde eine Art "Auffüllzeit" für die Kühe berechnet. Einzeltränken und jeweils 60 cm Trogtränke wurden als Einzelplatz gerechnet mit einem Durchfluss von 20 l/min oder wenn darunter anteilig. Wobei es viele Tränken gibt die unter 5 l/min pro Minute schaffen, die nenne ich immer verächtlich "Pisstränken". Und mit dieser verfügbaren Tränkenleistung soll die Herde innerhalb von 10 Stunden ihren täglichen Wasserbedarf decken können.
- Die Messung des Kreatingehaltes im Urin, der einen Rückschluss über die Wasserversorgung des Einzeltieres zulässt. Das wurde auch bei der Bestandsuntersuchung durch die FU Berlin gemacht (siehe Post vom 06.04.2017). Dabei kam heraus, wenn auch 12 Betriebe als Grundgesamtheit arg wenige sind, dass die mit guter Wasserversorgung um 1 Liter höher in der Milchleistung lagen.
Als Gesamtfazit soll besonders die Wasserversorgung der Trockensteher ins Auge gefasst werden, dass insbesondere diese nicht in einen Wassersparmodus gehen mit den gesundheitlichen Folgen.

Der vierte Vortrag war von Dr. Simon vom RBB über aktuelle Projekte in der Zucht.
Zuerst über Cowpare, das gerade von den Zuchtverbänden und Landeskontrollverbänden von Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern entwickelt wird. Es ist eine Online-Anwendung zum Benchmarking im Vergleich zu anderen Milchviehbetrieben. Es basiert auf den ganzen Daten die im Rahmen der Milchleistungsprüfung erhoben und im Rechenzentrum des VIT in Verden verarbeitet werden. Insgesamt stehen 550.000 Kühe dahinter und die Daten werden in ihrer Gesamtheit täglich aktualisiert und für den einzelen Betrieb nach der monatlichen Milchkontrolle. Insgesamt sollen es dann über 150 verschiedene Kennzahlen geben und man kann sich die Vergleichsgruppen individuell zusammenstellen (z.B. nach Größe, oberes Viertel usw.). Dazu soll es Alarmfunktionen geben wenn Kennzahlen vorgegebene Grenzen unter-/überschreiten.
Finde ich sehr interessant, da es viel Rechenaufwands "per Hand" für ein straffes Benchmarking einspart und viel mehr Vergleiche ermöglicht als die Milchkontrollberichte und die Jahresberichte.
Zweiter Teil war über den Betriebs Ökonomischen Gesamtindex. Statt des Relativ Zuchtwert Gesamt (RZG) für alle Deutschen Holstein einen betriebsindividuellen Zuchtwert aufzustellen. Aus den Daten der Kühe und ihrer Zuchtwerte werden die genetischen Effekte der einzelnen Zuchtwerte berechnet, z.B. Milchleistung bei RZM oder Totgeburten bei RZK. Dann die ökonomischen Effekte dazu (Milchpreis, Aufzuchtkosten usw.) und daraus die wirtschaftliche Gewichtung der einzelnen Zuchtwerte im Gesamtindex. Da sich diese vom allgemeinen RZG unterscheidet können die Besamungsbullen und auch die Kühe neu bewertet und auch im Anpaarungsprogramm berücksichtigt werden.

Als fünfter Vortrag gab es noch die Betriebspräsentation der Agrargenossenschaft Ranzig eG durch den Leiter der Tierprodktion, Hrn. Rußig. Dort fand dann nach der Mittagspause die Betriebsbesichtigung statt.

Fortsetzung folgt!

Benjamin

Dienstag, 18. Februar 2020

Milchtour - Teil 1

Die Stammleser des Kuhblogs werden sich vielleicht gewundert haben, dass es im Januar kein Bericht über den Tag des Milchrindhalters in Götz gab. Es waren nicht zeitliche Probleme die mir da in die Quere kamen sondern der fand gar nicht statt sondern wurde mit den Praxisseminaren im Frühjahr zu einer neuen Veranstaltung zusammengelegt: Der Milchtour.
Dafür war ich in Beeskow, südöstlich von Berlin, 25 km westlich von Eisenhüttenstadt. Beeskow ist die Kreisstadt des Landkreises Oder-Spree, dem "Land ohne Sonne", nach dem Kfz-Kennzeichen LOS. Daneben liegt der Landkreis Dahme-Spreewald, das Land der  Sonne (LDS). Im Februar ist aber hier im Norden generell ohne Sonne. Die Spreeregion ist die bedeutenste Milchviehregion Brandenburgs, wenn es das überhaupt so gibt.

Vormittags gab es Vorträge, nachmittags dann eine Betriebsbesichtigung.

1. Vortrag war von Dr. Römer vom Institut für Tierproduktion der Landesforschungsanstalt Mecklenburg-Vorpommern (LFA MV) über die Chancen und Risiken von verlängerten Laktationen. 

Seit einigen Jahren ist das in der Dikussion seit Prof. Kaske von der Uni Zürich auf einem sächsischen Betrieb eine doch aufsehenerregende Studien dazu gemacht hatte. Im Anschluss daran hatte ich 2017 auch in die Richtung experimentiert, aber es (vorschnell?) wieder aufgegeben, weil ich scheinbar die Kühe mit meinem "Steinzeit-Fruchtbareitsmanagement" nicht mehr rechtzeitig tragend bekommen hatte.
Die landläufige Meinung von jedem Jahr einem Kalb und entsprechend nur 6 Wochen nach der Kalbung bis zu ersten Besamung zu warten (freiwillige Wartezeit FWZ) stammt noch aus Zeiten als die Kühe Jahresleistungen von 3 - 4.000 kg hatten; heute ist es ungefähr dreimal so viel. Rückblickend auf die ganzen Daten der mecklenburger Testherden aus dem ProFit-Testherdenprogramm steigt aus wirtschaftlicher Sicht mit ansteigender Leistung auch die optimale Zwischenkalbezeit an; da kann man nun interpretieren, dass da auch schon in den 2000er besonders leistungsstarken Kühen aus dem Bauchgefühl raus mehr Zeit bis zur ersten Besamung gegeben wurde.
Prof. Kaske hatte in Sachsen einen Versuch durchgeführt, wo die Herde in drei Klassen eingeteilt wurde: 40, 120 und 180 Tage freiwillige Wartezeit bis die Kühe zur Besamung zugelassen wurden. Je länger die Wartezeit war, desto weniger Besamungen waren für die Trächtigkeit nötig und es gab weniger Fruchtbarkeitsprobleme, weil die Kühe mehr Zeit hatten und dann alles rund lief. Zudem stieg die Jahresleistung an, weil die Kühe länger eine höhere Leistung hielten (Persistenz). Das liegt daran, dass das Kalb Energie braucht und daher die Milchleistung der Kuh drückt. Bei einer längeren Zwischenkalbezeit ist mit der fixen Trächtigkeitsdauer (~ 280 Tage) dann der Anteil mit Trächtigkeit niedriger.
Dazu kommt noch der Ansatz, dass die Kalbung und die darauf folgenden 30 Tage die gefährlichste Zeit für die Kuh sind mit dem höchsten Abgangsrisiko. Wenn die Kuh diesen Zeitraum in ihrem Leben nicht so oft überstehen muss wird sie auch wahrscheinlich älter und da sie nicht so oft trockensteht gibt sie gesamt mehr Milch -> Melktage vs Futtertage.
Chancen gibt es viele: Vor allem weniger Arbeit mit abkalbenden und kranken Kühen, weniger Milchleistung zum Trockenstellen, wenn die Laktationskurve nicht so früh abgewürgt werden muss und längere Nutzungsdauer. Was mir gerade beim Schreiben jetzt
einfällt ist die Entlastung der Kälberaufzucht durch die geringere Anzahl der Kälber.
Die Risiken sind nicht so schwerwiegend meiner Einschätzung nach: Weniger Kälber zum Verkauf, weniger Jungvieh verfügbar, langsamerer Zuchtfortschritt, Verletzungsgefahr durch viele brünstige Kühe. Und vor allem die stärkere Abhängigkeit von einem straffen (Fruchtbarkeits)Management. Das ist aus meiner Sicht der entscheidende Faktor.
In der anschließenden Diskussion ging es auch darum, wie man die gute Persistenz von Jungkühen in der ersten Laktation nutzen soll. Jungkühe haben nicht so eine hohe Spitzenleistung wie Mehrkalbskühe, haben aber zum Trockenstellen meist noch höhere Leistungen. Daher die Frage wie lange man die erste Laktation ziehen soll, wo der größte Leistungssprung überhaupt mit dem Wechsel in die 2. Laktation stattfindet.
Gabi (siehe Post vom 07.03.2018) als Paradebeispiel für die genetische Veranlagung zu einer guten Persistenz wenn nicht tragend habe ich auch angebracht inklusive der Erwähnung dass sie zum Schluss nicht mehr ins Fressgitter passte.

Die verlängerte Laktation sehe ich als wichtiger Baustein für die Milchviehhaltung der nächsten Jahrzehnte an um das Gleichgewicht zwischen Kälbern (mehr Kalbungen pro Kuh, bessere Aufzuchtergebnisse) und Nachzuchtbedarf (längere Nutzungsdauer) wieder herzustellen.

2. Vortrag war von Dr. Jung, Direktor des Instituts für Fortpflanzung der Nutztiere in Schönow (IFN, Bernau bei Berlin): Tierhaltungscheck: Bevor andere prüfen. 

Dr. Kaufmann, stellvertretende Direktorin des IFN hatte schon auf der Testherdentagung
2018 (siehe Post vom 31.05.2018) darüber referiert. Das IFN hat mit dem RBB zusammen ein Beratungsangebot aufgebaut um das Tierwohl in der Milchviehhaltung erfassen zu können. Vor allem als eigenbetriebliche Kontrolle zur Schwachstellenanalyse.
Als anschauliche Beispiele fehlende Boxenbügel, dass die Kühe dann quer über zwei Boxen liegen, zwar schön ausgesteckt aber alles vollscheißen und entsprechend schmutzig sind. Oder kahle Stellen am Nacken durch falsch positionierte Nackenrohre.
Zum Schluss hatte Dr. Jung noch eine Folie mit dem Erfolgsrezept von Spitzenbetriebe, wo ich mir dachte, dass ich das genauso geschrieben hätte: Beste Futterqualität mit präziser Fütterung, qualifiziertes Personal, Gesundheitsmanagement, kein Hitzestress und Einsatz unterstützender Techniken.

Fortsetzung folgt!


Benjamin

Samstag, 15. Februar 2020

Lecksteine putzen

In der aktuellen TopAgrar ist ein Artikel über die Kälberhaltung im Landwirtschaftlichen Versuchszentrum Futterkamp der Landwirtschaftskammer Schlewig-Holstein. Futterkamp liegt nicht weit von der Ostsee entfernt zwischen Kiel und Lübeck.

Über die Jahre wurden die Kosten für die Behandlung von Atemwegserkrankungen der Kälber um 98 % gesenkt.
Wichtigster Punkt war das Stallklima. Das habe ich gerade auch wieder diese Woche gemerkt: Wegen des Sturms war der Stall komplett geschlossen und schnell wurde die Luft schlecht und die Kälber fingen an zu husten. In Futterkamp wurde eine Schlauchlüftung eingebaut, die Lüftungszeiten, Öffnung der Stallseiten usw. beständig optimiert bis es passte.
Zweiter Punkt ist die Impfung der Kälber, was alleine kein Allheilmittel ist aber über Kälbergenerationen hinweg den Erregerdruck senkt. Es wurde wie üblich kein Medikament genannt, aber es würde ein Dreifachimpfstoff verwendet, müsste einer der gängigen gegen Bovines Respiratorisches Synzytialvirus, Bovines Parainfluenzavirus und Mannheimia haemolytica sein.
Als dritter Punkt die ausreichende Energieversorgung der Kälber, dass sie genug Energie für das Imunsystem haben. Weil bei einer Tränkedauer von 9 Wochen die Kälber nach dem Absetzen in ein Energieloch fielen waren sie in dieser Zeit besonders anfällig. Die Tränkedauer wurde daher auf 11 Wochen verlängert. Das ist auch eines meiner Argumente für die intensive und lange Tränkeperiode, wo die Kälber auch erst ab 8 Wochen Alter Festfutter in nennenswertem Umfang verdauen können.
Und als vierter Punkt für mich ein neuer, aber absolut logischer Aspekt: Salzlecksteine für die Kälber. Durch die Beeinflussung der Elektrolythaushalts saufen die Kälber mehr Wasser wodurch sie genügend Schleim bilden können um Dreck aus den Atemwegen heraus zu husten.  

Unsere Kälber haben Lecksteine und nun habe ich bei den Kontrollgängen den Blick zu den Lecksteinen dazugenommen und auch ggf. sauber zu machen wenn die verschissen sind.

Benjamin

Dienstag, 11. Februar 2020

Pansennoten

Mit diesem Post bin ich nicht so recht zufrieden, es ist jetzt der zweite Anlauf und immer noch nicht so geworden wie ich es mir vorgestellt hatte.
Vor einiger Zeit hatte ich geschrieben dass ich mal einen Post zu den Pansennoten machen werde, aber mit den Fotos war es dann doch nicht so einfach. Mal eine Runde durch den Stall und passende Kühe fotografieren war recht ergebnislos: Zur jetzigen Jahreszeit ist es ziemlich duster, die Kühe von der Fellzeichnung kontrastarm (alle schwarz-weiß...) usw.

Die Pansennote ist ein im Alltag sehr gut geeignetes Mittel zur Bestimmung der Verdauungstätigkeit einer Kuh. Man schaut links auf die Hungergrube. Dies ist die "Ecke" zwischen letztem Rippenbogen, Hüfthöcker und den Querfortsätzen der Lendenwirbel. Die sind bei ausgewachsenen Rindern so gut 15 cm lang und bilden eine gut sichbare Kante parallel zur Rückenlinie. Hinter der Hungergrube liegt der Pansen (merke: links Pansen, rechts Leber) und man sieht die Füllung; das was die Kuh in den letzten 24 h gefressen hat:



















Es gibt fünf Noten für die Pansenfüllung:
Note 1: Komplett eingefallen, die Hungergrube ist ein Viereck
Note 2: eingefallen, die Hungergrube ist dreieckig, unter der Hüfthöcker verläuft es schräg nach links
Note 3: eine leichte Delle
Note 4: keine Hungergrube mehr zu erkennen, eine plane Fläche
Note 5: hervorgewölbt, in einer Flucht zu den Rippenbögen

Die Pansennote ist der schnelle Blick für eine erste Einschätzung, daneben gibt es die Kotprobe, wie es im Darm aussieht und auch das Pansenabhorchen mit dem Stethoskop für die Bestimmung der Pansentätigkeit. Und das Verhältnis derer zueinander, z.B. bei einer Aufgasung scheint die Kuh gut gefressen zu haben aber es ist nur aufgebläht.

Drei Fotos aus der Hochleistungsgruppe. Ganz leere Pansen sieht man so gut wie nie, das kommt nur bei kranken Kühen vor und die wären dann auch schon raussortiert. Ganz volle aber auch nicht, das ist eher bei trockenstehenden Kühen zu finden die viel Stroh fressen und dann wegen der höheren Verweildauer im Pansen "vollgestopft" sind.
Man kann es auf viertel Noten genau machen, im Alltag ist es auf die Schnelle eher "zu wenig", "passt" und "voll".
Passt, ca. 2,5:



















ca. 3,5:



















Zu wenig, ca. 1,5:


















Als nächste Schwierigkeitsstufe für das Fotografieren kommt dann mal was zur Kotkonsistenz.

Benjamin

Montag, 3. Februar 2020

Wie viel frisst eine Kuh - Teil 4

Wieviel eine Kuh frisst nun aus dem Blickwinkel der Energie. Mit der Energie ist es da einfacher zu rechnen als beim Eiweiß weil da kommen noch die ganzen Verdaulichkeiten dazu, die wiederum auch von der Energieversorgung abhängen.

Bei der Energie wird für Milchkühe mit MJ NEL gerechnet - Megajoule Netto Energie Laktation, das ist die Energie die für die Milchbildung benötigt wird. Da sind dann alle Verdaulichkeiten und Umwandlungsverluste schon mit einberechnet. Die einzelnen Futtermittel bekommen anhand ihrer Inhaltsstoffe und Verdaulichkeiten einen Energiegehalt in MJ NEL berechnet.
Manche Leute regen sich darüber auf, dass der Erhaltungsbedarf auch in NEL gerechnet wird und nicht in umsetzbarer Energie, ist ja schließlich nicht für die Milchbildung. Das macht schon eine Ungenauigkeit aus, aber für die praktische Rechnerei im Alltag ist es einfacher die Ration nicht in verschiedene Anteile mit unterschiedlichen Energiebewertungen zerpflücken zu müssen.

1. Erhaltungsbedarf: Für 650 kg Lebendmasse 37,7 MJ NEL, pro 50 kg Unterschied 2,2 MJ NEL.

2. Leistungsbedarf: MJ NEL pro kg Milch = 0,38 x % Milchfett + 0,21 % Milcheiweiß + 1,05

3. Körperfett: Aufbau 25 MJ NEL pro kg, Abbau 20 MJ NEL pro kg

Bsp. 1:
Hochleistende Kuh mit 50 kg Milch mit 3,7 % Fett und 3,2 % Eiweiß, 700 kg Lebendmasse, 0,5 kg Körperfettabbau pro Tag, Ration mit 7,0 MJ NEL pro kg Trockenmasse.
0,38 x 3,7 + 0,21 x 3,4 + 1,05 = 3,17 MJ NEL/kg x 50 = 158,5 MJ NEL Leistungsbedarf
39,9 MJ NEL Erhaltungsbedarf
- 10 MJ NEL aus Körperfettabbau
= 188,4 MJ NEL aus dem Futter. = 26,9 kg Trockenmasseaufnahme

Bsp. 2:
Altmelkende Kuh mit 20 kg Milch mit 4,5 % Fett und 3,7 % Eiweiß, 650 kg Lebendmasse, 0,5 kg Körperfettaufbau pro Tag, Ration mit 6,6 MJ NEL pro kg Trockenmasse.
0,38 x 4,5 + 0,21 x 3,7 + 1,05 = 3,54 MJ NEL/kg x 20 = 70,7 MJ NEL Leistungsbedarf
37,7 MJ NEL Erhaltungsbedarf
+12,5 MJ NEL für Körperfettaufbau
= 120,9 MJ NEL aus dem Futter. = 18,3 kg Trockenmasseaufnahme

Bsp. 3:
Trockenstehende Kuh; 650 kg Lebendmasse. Wachstum des Kalbes angesetzt mit Äquivalent von 10 kg Milch zu 4 % Fett und 3,4 % Eiweiß. Ration mit 5,6 MJ NEL pro kg Trockenmasse.
0,38 x 4,0 + 0,21 x 3,4 + 1,05 = 3,28 MJ NEL/kg x 10 = 32,8 MJ NEL Leistungsbedarf
37,7 MJ NEL Erhaltungsbedarf
= 70,5 MJ NEL = 12,6 kg Trockenmasseaufnahme

Im Kopf sind das dann Überschlagsrechnungen auf so 1 - 2 kg Trockenmasse genau ob eine Ration funktionieren kann und die Kühe nicht zu stark abnehmen/zunehmen. 

Die Unterschiede zwischen den Energiegehalten liegen bei den melkenden Kühen im Kraftfutteranteil und die Trockensteher dann ohne Kraftfutter bzw. nur zum Ausgleich der Nährstoffe und deutlich mehr Stroh zum "Verdünnen".

Benjamin

Donnerstag, 30. Januar 2020

Wieviel frisst eine Kuh - Teil 3

Wie viel eine Kuh frisst ist nach wie vor ein ganz wichtiges Thema für die Leser des Kuhblogs. In den Suchstatistiken immer direkt hinter "Kuhblock" und bei den am häufigsten gelesenen Posts auch vorne dabei.

Daher mal wieder was von meinem Lieblingsbereich Fütterung.
Es geht dabei immer um die Trockenmasse, also das Futter ohne das darin enthaltene Wasser. Die Kuh braucht zwar Wasser und es ist mit 86 - 87 % auch der wichtigste Bestandteil der Milch, im Futter hat es aber keinen Nährwert.
Trockensubstanz ist der Anteil der Trockenmasse an der Frischmasse.
Trockenmasse = absolute Menge
Trockensubstanz = relativer Gehalt
Um den Unterschied zu verdeutlichen: Zwei Kühe fressen beide 1 kg Frischmasse Gras. Eine morgens taunasses junges Gras auf einer Weide, die andere abends als trockenes Heu. Frischmasse ist in beiden Fällen 1 kg, Trockenmasse aber ungefähr 150 zu 860 g. Auch wenn das junge Gras von den Inhaltsstoffen wertvoller ist nimmt die andere Kuh mit dem Heu das vier bis fünffache an Nährstoffen auf.


Da aber bei allen Schritten von der Ernte über die Lagerung bis hin zum Futtermischen mit der Frischmasse gearbeitet wird weil es sich leicht wiegen lässt muss für die Futterberechung und das ganze Controlling dazu die Trockensubstanz bestimmt werden um auf die Trockenmasse zu kommen. Dafür gibt es dann den Trockner (siehe Post vom 02.04.2018), damit wird die Trockensubstanz der Silagen bestimmt. Möglichst
zwei bis dreimal in der Woche um die Fütterung an aktuelle Veränderungen im Silo anpassen zu können. Wenn es viel geregnet hat oder an Stellen wo das eingelagerte Futter bei der Ernte feuchter oder trockener war. Steigt z.B. die Trockensubstanz  der Grassilage von 35 auf 40 %, frisst die Kuh bei gleicher Frischmasse von 10 kg ein halbes kg mehr Trockenmasse. Das wäre  ungefähr ein Liter mehr Milch oder man könnte 400 g Kraftfutter einsparen. Oder genau andersrum wenn die Trockensubstanz auf 30 % sinken würde.

Die Kühe können so gezielter nach ihrem Bedarf gefüttert werden und vor allem auch konstanter.

Zum Fütterungscontrolling gehört die Bestimmung der Trockenmasseaufnahme. Das habe ich bis heute nicht in meine Arbeitsroutine reinbekommen, da bin ich nach wie vor auf Blindflug... Wenn man die genaue Trockenmasseaufnahme der Kühe (besser Gruppen) kennt kann man die Fütterung weiter anpassen, denn im Gegensatz zur Energie oder Eiweiß ist z.B. bei der Rohfaser die absolute Aufnahme entscheidend. Frisst die Kuh zu wenig, geht nicht nur die Milchleistung zurück sondern es könnte auch Probleme mit der Verdauung geben.
Trockenmasseaufnahme wird bestimmt in der Frischmasse die gefütterte Menge abzüglich des Restfutters und dazu die Trockensubstanz.

Und wie viel frisst die Kuh jetzt?
In der Ausbildung/im Studium lernt man die Faustzahl 20 kg Trockenmasse pro Tag für eine melkende Kuh und das begleitet einen dann ständig.
Es gibt aber viele Einflüsse darauf die dann zu einer anderen Zahl führen: Masse der Kuh, Milchleistung, Laktationsstadium, Genetik sowie die ganzen Einflussfaktoren von Seiten des Futters: Qualität, Trockensubstanzgehalt, Zugänglichkeit.
Eine Kuh mit einer Spitzenleistung von 60 Litern wird dafür um die 30 kg Trockenmasse fressen.
Eine altmelkende Kuh kurz vor dem Trockenstellen vielleicht 17 kg.
Bei Trockenstehenden Kühen rechnet man als mit 13 kg und die Tage vor der Kalbung noch mal weniger. Wo es z.B. das ZTT Iden über die Jahre geschafft hat auf  Trockenmasseaufnahmen von über 15 kg vor der Kalbung zu kommen.


Ganz grob gesagt gibt die Kuh mit 20 kg Trockenmasseaufnahme 31 Liter Milch, für jeden Liter mehr oder weniger muss man knapp ein halbes kg Trockenmasse dazurechnen bzw. abziehen. Das ist natürlich stark vereinfacht. Dazu dann mehr im nächsten Post.

Fortsetzung folgt!

Benjamin

Freitag, 24. Januar 2020

Bisschen Winter

So richtig Winter hatten wir diese Saison bisher nicht, letzte Woche zweistellige Temperaturen und momentan Nachtfrost und tagsüber taut es. Macht die tägliche Arbeit auch leichter ohne Schneematsch und einfrierenden Tränken.
In einer Woche ist dann Gülleneujahr und es soll dann trocken und frostfrei bleiben dass rechtzeitig mit der Düngung begonnen werden kann.

Mittlerweile geht die Sonne auch wieder früher auf sich um Dreiviertel acht in der Morgendämmerung stimmungsvolle Momente ergeben:




















Und Rehe habe ich heute früh auch wieder etliche gesehen. Das freut einen doch gleich doppelt, einmal dass man das Leben in unserer vermeintlich leeren Kulturlandschaft sieht und zweitens wenn sich die Rehe aufs offene Feld trauen sind wenigstens keine Wölfe da:

Benjamin

Dienstag, 21. Januar 2020

Einfluss Erstkalbealter

Das Erstkalbealter ist in der Milchviehhaltung eine wichtige Kennzahl, denn eine unnötig lange Aufzuchtphase kostet vor allem viel Geld, weil die Färsen Platz, Futter und Betreuung brauchen, aber noch keine Milch geben die verkauft werden kann. Da können sich die Kosten vom neugeborenem Kalb bis zur ersten Kalbung auf über 2.000 € summieren.

Wobei es eine Optimierung auf ein wirtschaftliches Erstkalbealter wäre, wenn man dessen Einfluss auf die Leistung und Gesundheit der späteren Kuh mit beachtet.
Gibt verschiedene Auswertungen dazu, die mit den landläufigen 24 Monaten Erstkalbealter als Ziel als Bestes abschneiden.

In den Abgangsstatistiken der Boberower Kühe berechnee ich das Erstkalbealter immer mit, weil es aus den erfassten Daten als "Nebenprodukt" anfällt.
Datum Abgang - Datum 1. Kalbung = Nutzungsdauer,
Lebensleistung / (Datum Abgang - Datum Geburt) = Lebenstagsleistung,
da ist Datum 1. Kalbung - Datum Geburt = Erstkalbealter schnell gerechnet.

Zwar gehe ich davon aus, dass mit der modernen intensiven Tränke und der damit einhergehenden metabolischen Programmierung durch das bessere Organwachstum im ersten halben Lebensjahr auch die Kühe mit unter 24 Monaten Erstkalbealter künftig besser abschneiden werden; aber die sind in der Auswertung die kleinste Gruppe. Weil bis Anfang 2019 lag das durchschnttliche Erstkalbealter zwischen 28 und 29 Monaten, was durch zu geringe Kapazitäten in de Jungviehaufzucht bedingt war und sich die Färsen immer mehr zurückstauten. Seit Anfang 2018 ist dieser Rückstau abgebaut aber die Kühe mit dem dann normalen Erstkalbealter sind erst in der ersten und zweiten Laktation und somit (zum Glück) noch nicht so viele abgegangen.

Altersklasse  Lebensleistung Nutzungsdauer  Jahresleistung  in 3. Laktation   in 5. Laktation
Monate                   kg                 Monate                kg                   %                         %

< 24                     33.330               46,9                7.995                66,7                    44,4
24 - 26                 36.801               49,6                8.694                80,9                    45,5
26 - 28                 28.128               37,4                8.810                67,8                    21,1
28 - 30                 24.148               32,0                8.604                51,5                    18,4
< 30                     20.341               26,5                8.609                44,3                    11,4


Benjamin

Samstag, 18. Januar 2020

Winterkälber

Jetzt geht es um Auswertungen aus den Boberower Herdenstatistiken. Und zwar beschäftigt mich die letzten Jahre das Thema Hitzestress auch aufgrund der gefühlt ewig langen Sommer besonders.
Die Kühlung der trockenstehenden Kühe ist dabei von höchster Bedeutung, da nicht nur die Kühe mit geringerem Hitzestress besser in die neue Laktation starten sondern auch die weiblichen Kälber dieser Kühe später als Kühe selbst mehr Milch geben (vgl. metabolische Programmierung).
Nach dem letztjährigen Praxisseminar (siehe auch Post vom 07.05.2019) hatte ich mich wieder verstärkt mit dem Thema beschäftigt und mir über Dr. Koch von meinem Stammbetrieb Hofgut Neumühle Literatur besorgt.
Für die wissenschaftsafinen Kuhblogleser, die das selbst nachlesen wollen: Monteiro et al. 2016: In utero heat stress decreases calf survival and performance through the first lactation. Journal of Dairy Science.
In der Elite war irgendwann 2018 auch ein Artikel dazu, wo von einem Bauern aus der Eifel berichtet wurde der die Daten seiner abgegangenen Kühe über 15 Jahre ausgewertet hat und dabei kam heraus, dass die im Winter geborenen Kühe um eine 3.000 kg höhere Lebensleistung erreichten als die im Sommer geborenen.

Das kann ich natürlich auch dachte ich mir. Zwar habe ich nicht die Daten von 15 Jahren, aber seit 2013 von den abgegangenen Kühen in Boberow. 505 Kühe waren das zusammen deren Daten ich in Excel durchgerechnet habe.
Bei den Zahlen ist zu beachten, dass die älteste Kuh darunter 2003 geboren war und die allermeisten der Kühe als Kuh schon oder als Kalb die schwierigen Jahre von 2010 bis 2013 - vor meiner Zeit in Boberow - mitgemacht haben, was sich nicht so postiv auf die Lebensdauer auswirkte...

Hitzestress während der Trockenstehperiode der Mutter wurde nicht erfasst und daher habe ich mich einer Vereinfachung bedient: Hier in Brandenburg kann man grab von Mai bis September mit sommerlichen Temperaturen rechnen. Bei 5,5 bis 9 Wochen Trockenstehzeit der allermeisten Kühe zählte ich die von Dezember bis April geborenen Kühe als Winterkälber, die vom Juni bis September geborenen als Sommerkälber.

Die im Winter geborenen Kühe kamen durchschnittlich auf 30.131 kg Lebensleistung bei 39,9 Monaten Nutzungsdauer; sind zudem 8.748 kg Jahresleistung (LL durch ND).
Dagegen die im Sommer geborenen Kühe auf 26.077 kg Lebensleistung bei 35,4 Monaten Nutzungsdauer; macht 8.469 kg Jahresleistung.

Da ich die Laktationszahl bei Abgang erfasst habe konnte ich auch dazu eine Auswertung machen.
Bei den im Winter geborenen Kühe haben es 68,9 % in die 3. Laktation geschafft und 27,9 % bis in die Fünfte.
Bei den im Sommer geborenen waren es dagegen 59,1 % in die 3. und 21,5 % in die Fünfte.

Den Lakatationstag beim Abgang habe ich nicht explizit erfasst sondern nur auf "Laktationsmonate" gerundet. Daher kann ich nur schätzen, dass in den ersten 100
 Tagen der Laktation der Anteil der Abgänge bei 36 zu 40 % war. Also bei den im Winter geborenen Kühen mehr abgemolkene dicke Schlachtkühe dabei waren, so wie Gabi (siehe Post vom 07.03.2018), die aber mitten im Sommer geboren war.

Fortsetzung folgt!


Benjamin

Montag, 13. Januar 2020

120 Jahre

Was ich auch in meinem Urlaub gemacht habe und auch ein Rückblick in meine Familiengeschichte ist mit der ich mich als Wiedereinsteiger in die Landwirtschaft verstehe.
Das Haus hat meine Mutter vor rund vier Jahren von meinem Großvater geerbt. Ursprünglich hat es mein Ururgroßvater bauen lassen um das Jahr 1900 rum. War das erste Haus in der ganzen Straße und ist bis heute das höchste. 

Hauptsächlich meine Schwester hat es in den letzten Jahren ausgeräumt und entkernt und nun zeigte sich der Zustand der Bausubstanz. Mit meterlangen Rissen in den Wänden und den teilweise recht abenteuerlichen Baumethoden der damaligen Zeit ist es ein wirtschaftlicher Totalschaden: Abreißen und Neubau ist günstiger als renovieren. Und außerdem brauch ich persönlich auch sichere Anlagen für meine Ersparnisse...

Also habe ich in meinem Urlaub noch einen letzten Rundgang gemacht. Momentan vermittelt mein Bruder noch eine Feuerwehrübung, mit Verrauchen und allem drum und dran, das dürfte der Jahrehöhepunkt für alle Feuerwehren in der Verbandsgemeinde werden.

Auf dem Foto sieht man als erstes die dichte Bebauung der rheinhessischen Ortschaften, das gesamte Grundstück ist gerade mal 14 Meter breit. 
Ein typischer Bauernhof für die Region, den mein Großvater bis 1995 bewirtschaftete, die letzten rund 10 Jahre waren nur noch Weinbau gewesen.
Hinten erkennt man die Scheune, in der sich auch der ehemalige Stall für 4 Kühe (bis 1974) und 2 Pferde (bis 1957, bis 1967 eins) befindet. Davor, was man aber nicht sieht ist der Stall für vier Schweine (bis 1980er), darüber der Hühnerstall und daneben das Plumpsklo, WC glaube gab es erst 1988.


Das Haus bekam Anfang der 1980er mal neue Fenster und auf Fotos aus den 1930ern ist die gesamte Fassade mit wildem Wein bewachsen gewesen. Der Stock wäre aber im strengen Winter 1957 erfroren; was für mein Großvater immer ein Maßstab war, z.B. als es 2009 mal - 18 °C gewesen sind.

Benjamin

 

Freitag, 10. Januar 2020

Leberbiopsie

Unter der Woche läuft auf der Neumühle der normale Forschungsbetrieb. Diesmal habe ich die Leberbiopsie mitbekommen; was in den letzten zwölf Jahren nie der Fall gewesen war. Die Leber als wichtigstes Stoffwechselorgan, wo alles durch geht ist ein ideales Spiegelbild für den Stand und über die Zeit gesehen die Veränderung der Stoffwechsellage der Kuh. Daher werden Leberproben recht häufig genommen wenn es in Versuchen über die Basiserfassung wie Milchleistung, Inhaltstoffe und Körpergewicht hinaus geht.

So auch im aktuellen Versuch zur phosphorreduzierten Fütterung vor der Kalbung (siehe auch Post vom 05.10.2019).

Die Kuh wird dafür an der rechten Seite (merke: links Pansen, rechts Leber) rasiert, dann gibt es eine lokale Betäubung und mit dem Skalpell wird ein kleines Loch in die Haut geschnitten. Mit der Stanze wird duch dieses Loch durch die Bauchdecke gestochen und die Leber punktiert. Das wid mehrmals gemacht bis genügend Material zusammen ist (so 0,1 g), das in ein kleines Probenröhrchen abgefüllt und in flüssigem Stickstoff eingefroren wird.

Zum Vergleich das Foto im Post vom 17.03.2015 über die Muskelbiopsie wo die Stanze in ganze Länge zu sehen ist, so tief geht es in die Kuh hinein:

Benjamin

Montag, 6. Januar 2020

Neumühle 5/2019

Letztes Jahr war ich noch mal auf meinem Stammbetrieb Hofgut Neumühle.

Die letzte Milchleistungsprüfung war wegen Weihnachten und Jahreswechsel schon Mitte Dezember gewesen und es ist immer wieder erstaunlich welches Niveau und vor allem an Kontinuität trotz des Versuchsbetriebs erreicht wird: Ein Melkdurchschnitt von 35,3 kg bei 4,12 % Fett und 3,50 % Eiweiß.

Mai lag mit 262 Melktagen bei 37,0 kg mit 4,84 % Fett und 4,09 % Eiweiß; was grob gesagt die Leistung von ihrer Mutter Mai (1.) mit den Inhaltsstoffen ihrer Großmutter Braunie ist. Mit 159.000 Zellzahl war es ihr schlechtester Wert in der 3. Laktation. Bei der Lebensleistung liegt sind bei ungefähr 40.300 kg, hat also das Zuchtziel der Deutschen Holsteins bereits erreicht. Macht eine Lebenstagsleistung von schon um die 21,5 kg. Wo ich im letzten Post geschrieben hatte, dass ihre Hochrechnung für die laufende dritte Laktation unter der der zweiten liegt hat sich das mittlerweile angeglichen, auf das Fett-Eiweiß-Kilo genau.
Mittlerweile ist sie wieder tragend von Bullen Already der RUW. Wann sie kalben soll habe ich mir nicht aufgeschrieben...

Ihe Tochter Matilda ist nun knapp ein dreiviertel Jahr halt und mittlerweile im Jungviehstall:



















Die älteste Kuh der Neumühle, 413 Kanada (Foto siehe Post vom 25.06.2019), die letzte der Kühe die bei meiner Bachelorarbeit dabei war steht nun zum 13. Mal trocken. Mit 13 abgeschlossenen Laktationen liegt sie nun bei 106.200 kg Lebensleistung, macht zwar durchschnittlich nur knapp 8.000 kg Jahresleitung, aber 18,7 kg Lebenstagsleistung. 
Kanada ist vom Bullen Reflector tragend, einem töchtergeprüften Bullen von WWS.

Eine Neuanschaffung ist das Milchtaxi. Und erstmals habe ich überhaupt eines der kleinsten Ausführung mit 100 l gesehen. Das Milchtaxi gibt es in drei Größen, 100, 150 und 260 l. 260 l sind hier in Brandenburg die Standardgröße, wie wir es auch haben. Die mittlere Ausführung hatte ich bisher auch nur bei der PBK Schönhagen gesehen (vgl. Post vom 24.02.2018), wo sie es schon bereuten eine Nummer zu klein gekauft zu haben.
Aber auf Neumühle reicht die kleinste Ausführung, es stehen auch nur 13 Plätze in den Iglus zur Verfügung, die auch bei der Herde von 140 Kühen ausreichen. Das Milchtaxi hat wegen des geringeren Volumens eine kleinere Heizeinheit für die eine 230 V-Steckdose ausreicht, die größeren Milchtaxis haben alle einen Drehstromanschluss:



















Gefüttert werden die Kühe normalerweise mit dem 12-m³-Selbstfahrer (BvL Maxium) mit dem langen Austragband für die Befüllung der Wiegetröge. Für die Versuche mit kleinen Futtermengen gibt es jetzt einen extra Versuchsmischwagen, ein BvL V-MIX Agilo 5-1S, ein Einschnecken-Vertikalmischer mit 5 m³ Volumen. Damit sind dann auch richtig durchmischte Mischungen von 200 kg möglich für z.B. die Trockensteherversuche mit entsprechend geringen Kuhzahlen. Den Farmer davor habe ich schon zu meinen Praktikatenzeiten gefahren, mittlerweile dürfte es der älteste Traktor der Neumühle sein. Baujahr 1994 oder 1995, noch die eckige Kabine der 1980er und schon die Plastik-Motorhaube der 1990er:



















Fortsetzung folgt! 

Benjamin

Mittwoch, 1. Januar 2020

Start in 2020

Allen Lesern des Kuhblogs wünsche ich ein gesundes neues Jahr 2020. Mit fleißigen Kühen (falls vorhanden).

Wie schon fast Tradition wird es mangels winterlichem Wetter kein Foto im Neujahrspost geben.

Neuerungen wird es dieses Jahr im Kuhblog vielleicht geben, ich habe da einige Ideen in noch ganz frühen Stadien.

Benjamin

Montag, 30. Dezember 2019

Kälberhotel

Jetzt zwischen den Jahren bin ich mal wieder in der alten Heimat und in den nächsten Posts wird es daher über mein Besuchsprogramm gehen.
Der erste Besuch war bei Schmidts in Lampertheim, wo ich letztmals im Juli kurz vor der Getreideernte gewesen war.
Dieses Jahr hatten sie im Gegensatz zu uns in Brandenburg normale Niederschläge und entsprechend ausreichend Futter. Dabei sind in beiden Fahrsilos Maissilage und darüber eine Schicht Rübenpressschnitzel einsiliert worden und die gesamte Anwelksilage (Dauergrünland, Ackergras, Luzerne) in Wickelballen.

Im November haben sie ihr neues Kälberhotel in Betrieb genommen. Bisher waren die jüngsten Tränkekälber im "Schweinestall" untergebracht. Wie das in den 1970ern üblich war ein kleines Abteil für drei Schweine für den Eigenbedarf. Dabei mussten die Kälber aber mit einem Aufpasser getränkt werden, dass das jüngste auch noch was bekommt.
Der Stall ist von Alpuro Breeding (-> Link) und hat fünf Einzelboxen. Leicht zu reinigen und kann mit dem Frontlader umgesetzt werden. Der steht öffentlichkeitswirksam direkt neben der Milchtankstelle und die kleinen Kälber kommen bei der Kundschaft natürlich super an. Das hatte ich schon gesagt: "Alte Herdenmanager-Weisheit: Kälber ziehen immer!" (vgl. Post vom 02.05.2017)




















Abends gab es noch die Verkostung vom hofeigenen Käse, den ein Käser produziert und auch an der Milchtankstelle zu kaufen gibt. Geschmacksrichtung Natur (gibt auch Paprika und Pfeffer) und noch nicht besonders intensiv, denn ganz frisch direkt eingeschweißt und müsste eigentlich erst noch einige Wochen reifen. Sehr mild und leicht salzig, die 600 g könnte man schon an zwei Abenden nebenher wegfuttern:

Benjamin



Mittwoch, 25. Dezember 2019

Frohe Weihnachten!

Allen Lesern des Kuhblogs wünsche ich Frohe Weihnachten!

Dass Ihr hoffentlich genauso schwarz-weiße Weihnachten habt wie wir hier in Brandenburg bei frühlingshaften 7 Grad.

Benjamin



Montag, 23. Dezember 2019

Material dabei

Wieder ein Post für den mir die Idee zwischendrin bei der Arbeit kam. Und zwar fragte mich letztens einer unserer Lehrlinge ob ich ihm bei einem bis zum Anschlag festgeschraubten Schäkel helfen könne. Da habe ich meine Wasserpumpenzange genommen und den aufgedreht. "Sie haben auch alles dabei!" 
Bei den Tierärzten kommt es auch öfters vor, dass ich mit Kanülen, Probenröhrchen oder Besamungshandschuhen aushelfen kann.

Für meine in diesem Jahr etwas mehr betonte Ausrichtung auf das tägliche Management schreibe ich jetzt etwas über meine mitgeführte Ausrüstung; könnte für manchen der Kuhblogleser mit eigenen Kühen interessant sein. Dabei bin ich ja mit der ganztägigen Arbeit an Kühen extrem spezialisiert. Wenn ich mal Melke oder Füttere räume ich auch einen Teil aus, den ich dann gerade nicht brauchen dürfte und mir so mehr Bewegungsfreiheit gibt.
Der Hintergedanke ist bei den weitläufigen Anlagen und entsprechenden Wegen das Wichtigste dabei zu haben und nicht erst holen zu müssen.
Die Ausrüstung ist über die letzten sechseinhalb Jahre gewachsen und wurde stetig angepasst und abgewandelt, je nachdem wie es benötigt wurde oder funktioniert hat. Mit dem Stethoskop dabei hat zum Beispiel nicht funktioniert, das habe ich zwar in eine der Hosentaschen bekommen aber nach einigen Monaten war die Membran zerdrückt.

Limitierender Faktor sind die Anzahl der Taschen und auch deren Größe was entsprechend da rein passt. Durch eine Gürteltasche habe ich den Stauraum erweitert, aber nur auf der linken Seite, eine zweite auf der rechten ist dann schon wieder hinderlich, weil ich dann nicht mehr durchs Fressgitter steigen kann.
Ich habe eine striken Beladungsplan was in welche Tasche kommt, wo es nicht verrutschen und vor allem blind gefunden werden kann. 

Ein Foto im Stil, wie es in den 1990ern bei Feuerwehrautos beliebt war die gesamte Ausrüstung auszuräumen und auszubreiten:

Benjamin

Samstag, 21. Dezember 2019

Zuchtschema

Im letzten Post hatte ich das Zuchtschema vom SMR erwähnt. Das habe ich auch auf meinem Computer gefunden; aufgenommen 2012 bei meinem ersten Besuch im Rinderzuchtmuseum (vgl. Post vom 28.02.2018).
Das Schema stellt das Zuchtprogramm des Schwarzbunten Milchrindes (SMR) in den 1980er Jahren dar, als es schon seit mehreren Generationen als eigene Rasse etabliert war.

Die Zucht des SMR begann Ende der 1960er Jahre für eine neue Milchviehrasse. In ihr sollten die Robustheit und Fruchtbarkeit der vorhandenen Deutschen Schwarzbunten Niederungsrinder (DSN) mit den hohen Milchinhaltsstoffen des Jerseys und der Leistung der Holstein Friesian kombiniert werden. 
Die DSN-Kühe wurden mit dänischen Jerseybullen besamt; die dänischen Jersey sind größer als die originalen und die in Amerika gezüchteten. Diese F1-Generation wurde mit Holstein Friesian-Bullen besamt und die so entstandene F2-Generation war dann die erste Generation des SMR, das in sich weiter gezüchtet wurde.
Neben Holstein Friesian wurden auch British Friesian ("englische Schwarzbunte") eingesetzt, so 25 % machten die glaube ich dabei aus.

Das Zuchtschema ist die Darstellung eines mustergültigen konventionellen Zuchtprogramms wie es vor der Einführung der genomischen Zuchtwertschätzung Anfang der 2010er üblich war.
Zu den Größenordnung: Damals gab es 2 Mio. SMR-Kühe und jährlich 650 Prüfbullen, 2010 waren es in ganz Deutschland mit rund 3 Mio Holsteinkühen bei 14 Besamunsorganisationen um die 1.000 Prüfbullen und heute sind es bei 10 Besamungsorganisationen ca. 250 Bullen, da über die genomische Selektion schärfer vorsortiert wird.

Die "Produktionsrichtung 2" erlebt momentan eine Renaissance. Dies waren damals Kühe, deren Töchter nicht für die Remontierung als nächste Kuhgeneration benötigt wurden und daher mit Fleischrindersperma besamt wurden. In den letzten Jahren hat dies mit der längeren Lebensdauer der Kühe und abnehmenden Zuchtviehverkäufen wieder an Bedeutung gewonnen:
















Für die Fleischrassen zur Besamung der Produktionsrichtung 2-SMRs gab es auch ein Zuchtprogramm. Was mich damals überrascht hat, dass in der Genreserve, der Erhaltungszüchtung der Ausgangsrassen auch Chianina dabei waren.  Die Chianina aus der Toskana sind die größte Rinderrasse überhaupt, was zum damaligen Ansatz von großrahmigen Rindern für hohe Produktion passt:

Benjamin



Montag, 16. Dezember 2019

Braunvieh einkreuzen

Ein Post mit Bezug auf die Statistiken des Kuhblogs. Letztens war dort eine weitergeleitete Suchfrage "Braunvieh einkreuzen". Als überzeugter Holsteinzüchter könnte ich natürlich sagen: "Halte ich nix davon!" und fertig. 

Dennoch etwas umfangreicher zur Kreuzungszucht von Rindern.
- Veredlungskreuzung: Einkreuzung anderer Rassen um bestimmte Eigenschaften zu verbessern. Beispiele wären Rotbunte Holstein beim Milch-Fleckvieh oder in den 1950ern Dänisches Rotvieh beim Glanrind.
- Verdrängungskreuzung: Eine Rasse wird Schritt für Schritt in eine andere Rasse umgewandelt. Wie das Deutsche Schwarzbunte Niederungsrind (DSN) in den Alten Ländern durch Holstein und in den Neuen Ländern durch das Schwarzbunte Milchrind (SMR) und das später ebenfalls durch Holstein.
- Kombinationskreuzung: Mehrere Rassen werden zu einer neuen, Synthetischen Rasse kombiniert. Ganz klassische Beispiele sind Uckermärker aus Fleckvieh und Charolais oder das SMR aus DSN x Jersey x Holstein Friesian/British Friesian. Zum SMR habe ich auch irgendwo noch ein Abbildung zum Zuchtschema...
- Wechselkreuzung: Immer abwechselnd zwei Rassen, z.B. in Neuseeland Holstein und Jersey. Je nach Vater und Mutter sind langfristig dann die Rassen 1/3 zu 2/3 enthalten.
- Rotationskreuzung: Mehrere Rassen nacheinander, z.B. CRV aus den Niederlanden mit ihrem System ProCross mit Holstein, Montbeliarde und Schwedisch Rotbunt. Hier sind dann langfristig die Rassen je nach Vater und Mutter 1/7, 2/7 und 4/7 enthalten.
Gebrauchskreuzungen spielen bei Milchkühen nur eine Rolle für Kälber zur Mast und nicht zur Remontierung der Herde, z.B. Holstein x Weißblaue Belgier.

Braunvieh eignet sich gut zum Einkreuzen, denn sie haben hohe Eiweißprozente, mit günstiger Zusammensetzung des Kaseins für die Käseherstellung und sind die langlebigste Milchviehrasse. Zudem sind sie etwas klimatoleranter als die anderen Rassen und wurden viel bei Vererdlungskreuzungen in den Tropen eingesetzt. Kommen aber natürlich nicht an die Zebus ran.
In den USA wird einiges an Wechsel- und Rotationskreuzungen mit Braunvieh gemacht.

Für mich ist die Einkreuzung von Braunvieh keine Alternative, denn:
- Hier im Nordosten ist die ganze Infrastruktur auf Holstein ausgelegt.
- Mit Kreuzungstieren ist die Herde deutlich heterogener und deshalb schwerer zu managen, vor allem die Energieversorgung (Verfettung in Aufzucht und bei Altmelkern).
- Nur bei Reinzucht gibt es Zuchtfortschritt, die Kreuzungszüchter sind dabei Trittbrettfahrer.

Benjamin

Samstag, 14. Dezember 2019

Mutterschutzimpfung

Ein Post zu einem alltäglichen Thema im Hintergrund. Unser Tierarzt war letzte Woche auf einer Tagung zur Kälbergesundheit und berichtete, dass beim Kälberdurchfall mittlerweile Kryptosporidien vorherrschend sind, weil Rota- und Coronaviren durch die fast flächendeckende Mutterschutzimpfung meist unter Kontrolle wären.
Da für mich die Mutterschutzimpfung in meiner Kuhlaufbahn schon immer Standard war kann ich dazu mal im Kuhblog schreiben.

Mit Kälberdurchfall haben wir zum Glück nur wenige Probleme. Man kann niemals nie sagen, geschätzt sind es pro geborenem Kalb 0,15 Behandlungstage. Positive Faktoren dafür sind einmal die intensive Tränke, dass die Kälber von Anfang an mit tägliche Tränkeaufnahmen von 12 Liter und mehr ausreichend Energie aufnehmen für ein starkes Immunsystem und Reserven für schlechtere Tage haben. Als zweites die Hygiene in der Haltung zur Reduzierung des Keimdrucks, was sich mit dem neuen Kälberstall mit Rein-Raus-Prinzip, einfacher Reinigung und Desinfektion und Stallbrache (Leerstand) verbessert hat.

Kryptosporidien sind Einzeller, die parasitär die Darmzotten befallen und schädigen, mit dem Durchfall werden die Eier ausgeschieden, die wiederum andere Kälber infizieren können. Durch die Gabe des Arzneimittels Halofuginon haben wir das so weit im Griff.
Für die anderen wichtigen Durchfallerreger gibt es die Mutterschutzimpfung. Rinder haben kein angeborenes Immunsystem, das entwickelt sich erst nach der Geburt. Das Rind hat entwicklungstechnisch noch die älteste Plazenta-Version der Säugetiere, wo die Blutkreisläufe von Mutter und Kalb komplett getrennt sind und nur Nährstoffe und keine Antikörper übertragen werden können. Dafür bildet die Kuh die Biestmilch, die extrem viele Antikörper (Immunglobuline) enthält und zudem mit einer in den ersten Lebensstunden sehr durchlässigen Darmwand gut vom Kalb aufgenommen werden kann. 
Die Mutterschutzimpfung der Kuh gegen die Durchfallerreger wirkt dann als Schluckimpfung beim Kalb.

Viele Pharmafirmen bieten Mutterschutzimpfstoffe an, die sich in den verwendeten Virenstämmen und Serotypen unterscheiden, zudem Lebendimpfstoff oder inaktiviert.
Es sind enthalten: Bovines Rotavirus (Rota), Bovines Coronavirus (Corona) und meistens auch gegen Coli-Bakterien (Escherichia coli).
Vor drei Jahren habe ich selbst mit dem Impfen der Kühe (Mutterschutzimpfng) und Kälber (Grippeimpfung und Flechteimpfung) begonnen. Anlass war die Reduzierung der Tierarztkosten; war halt die Mentalität der Geschäftsführung den Tierarzt als Kostenfaktor zu sehen und nicht wie ich als Partner für die Tiergesundheit...
Habe dafür eine Einweisung in den Umgang bekommen und das wurde auch ans Kreiveterinäramt gemeldet, dass ich als Einziger auf dem Hof mit Impfstoffen umgehen darf. Impfstoffe werden da ganz strikt gehandhabt, sind ja quasi Biowaffen. Die Impfdosen werden auch nur wenige Tage vorher beim Tierarzt unter Angabe der Stall-/Ohrmarkennummern bestellt und kommen unter Einhaltung der Kühlkette in den Kühlschrank.

Geimpft werden die Kühe drei Wochen vor dem erwarteten Kalbetermin. Das ist der Zeitpunkt, an dem alle verschiedenen Impfstoffe eingesetzt werden können und ich den Impfstoff problemlos (Lieferschwierigkeiten etc.) wechseln kann ohne groß Umplanen zu müssen. Da ich von allen Abkalbungen die Tragedauer aufschreibe kann ich den Zeitpunkt besser treffen. Gemäß dem Motto "Nur was man dokumentiert kann man auch managen". Im Herde-Programm ist die Standard-Tragezeit mit 281 Tagen hinterlegt, nach meinen Erfahrungen sind es bei reinrassigen Holsteins 278 Tage und bei Kreuzungen mit Fleischrindern 282 Tage. Bei individuellen Bullen kann es auch auffällig abweichen was ich dann auch mit berücksichtige. 
Geimpft wird einmal pro Woche am Dienstagnachmittag beim Transensortieren. Aus der Trockenstehergruppe (V-Halle) werden die Kühe für die Transitgruppe (Bullenstall) raussortiert, dabei werden die Kühe für die Mutterschutzimpfung mitgenommen und alle im Fressgitter eingefangen. Die Kühe 24 bis 18 Tage vor der Kalbung werden geimpft und die Kühe 19 bis 13 Tage vor der Kalbung gehen in die Transitgruppe. Da gibt es eine kleine Schnittmenge; die mit 20 bis 24 Tagen gehen wieder zurück in die Trockenstehergruppe, die mit 13 bis 17 Tagen waren schon die Woche vorher geimpft worden.
Soweit die Theorie, denn die Imfstoffflasche enthält fünf Dosen und muss wie bei Impfstoff üblich auf einmal verwendet werden. Um immer fünf Kühe zur Impfung zusammenzubekommen ist bisweilen eine Herdengröße von 350 Kühen zu klein und man muss es bei der einzelnen Kuh um einige Tage verschieben. 
Bei den Kälbern ist das ein noch größeres Problem, denn da hat man nur noch halb so viele wenn die Bullenkälber verkauft sind.
Den Impfstoff mische ich im Büro an und spritze den mit einer Repetierspritze, mit der Revolverspritze habe ich es auch schon versucht, vor allem weil das mit der Verlängerung sehr bequem ist. Jedoch ist mir da auf 50 ml Gesamtvolumen die Dosierung von 2 ml zu ungenau.

Beim Saubermachen wird vorm Durchspülen der Spritze die Restmenge (so 0,2 ml) mit Klopapier aufgesaugt und geht wie die leeren Flaschen in die Mülltonne. Dass das nicht ins Abwasser kommt, man will schließlich nicht die Biowaffen auf dem Feld haben.

Benjamin