Posts mit dem Label medizinische Besonderheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label medizinische Besonderheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 18. September 2024

Neumühle 2024/2

Am vergangenen Sonntag war ich mal wieder auf meinem Stammbetrieb LVAV Hofgut Neumühle, wo es im Sommer beim Tag der offenen Tür die Kühe nur von außen zu sehen gab.

Hier sieht man gut wie die Kühe in den letzten 15 Jahren seit der Inbetriebnahme des Stalls 2009 größer geworden sind. Nr. 1840 (eine der Fistelkühe) frisst hier gerade am Wiegetrog und steht dabei mit den Hinterfüßen auf der Schieberbahn, weil der Fressstand zu kurz ist. Das machen mittlerweile so gut wie alle Kühe:


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nr. 1802 in der Trockenstehergruppe. Eine riesige Kuh; von der Kondition, der Stärke und vor allem der Tiefe. Das Halsband ist im letzten Loch auch sehr eng. Als Trockensteher geht sie natürlich nicht zum Melken und danach nicht über die Waage. Das Gewicht werde ich noch nachliefern:


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine "Glubschi" auf der Neumühle. Nr. 2157. Kühe mit Glubschaugen kommen ab und zu vor und die kennt dann auch jeder, weil sehr auffällig. Sie schielt dazu noch extrem:


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Noch was Technisches: Am Mischwagen ist jetzt ein HarvestLab von John Deere verbaut. Der dient aber vorerst nur zum reinen Datensammeln. Da will John Deere wohl in diesem Anwendungsbereich der Nahinfrarotspektroskope Fuß fassen:

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Benjamin

1477

 

Freitag, 5. Juli 2024

Kalb auf links

Missbildungen kommen bei Kälbern leider ab und zu vor. Zum Glück selten; umso schwerwiegender, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kalb tot geboren wird.

Harmlose Sachen sind Stummelschwänze oder gar kein Schwanz (siehe Post vom 14.10.2013).

An welche schlimmen Sachen ich mich erinnere:
- Kalb mit acht Beinen
- Kalb mit offenem Rücken
- Kalb mit offenem Bauch, wo die ganzen Därme raushingen
- Total krumm gewachsenes Bein und offener Gaumen. Das war schon belastend, weil es
  lebte und munter war.. (siehe Post vom 22.06.2020)

Als Kuriosum die Steinfrucht mit Fell (siehe Post vom 09.07.2020).

Jetzt hatte mein Bruder gestern ein Kalb, das auf "links" war. Die Bauchwand umgeschlagen und oben verwachsen, dass die Wirbelsäule unten war. Im Inneren dann die Beine und der Kopf und außerhalb die Organe, quasi als "Äußereien".
In den Form konnte das Kalb nicht geboren werden und ein Kaiserschnitt war nötig.
Sie haben die Haut aufgeschnitten und auf rechts gedreht. Es war alles dran:

Benjamin
 
Nachtrag: 
Diese Art der Missbildung hat aufgrund ihrer relativen Häufigkeit einen eigenen medizinischen Namen: Schistosoma reflexum.

 

 
 
 
 
 


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 


 

1471
 

Freitag, 12. Mai 2023

Was ist eine Zwicke?

Wo ich in den letzten Wochen es öfters über Zwicken hatte und angekündigt habe dass ich mal einen Post darüber schreiben werde. 

Eine Zwicke ist das weibliche Kalb eines Zwillingspärchens. Zwicke ist ein umgangssprachlicher Begriff, den ich so in Rheinland-Pfalz gelernt habe und in Brandenburg auch verwendet wird. Einen hochdeutschen Begriff gibt es scheinbar nicht dafür, in Zeitschriften wird oft "weibliche Zwillingskälber" geschrieben, was fachlich nicht richtig ist denn nicht jedes weibliche Zwillingskalb ist auch eine Zwicke. Im Englischen ist der Begriff dafür "freemartin".

Zwicken treten bei Zwillingspärchen auf bzw. jetzt bei den Drillingen, wenn in einer Trächtigkeit sowohl ein weibliches wie auch ein männliches Kalb sind. Die Häufigkeit von Pärchen ist gefühlt bei fast allen Trächtigkeiten, aber da es bei den Kühen auch Zwillingsschwestern gibt bei denen auch "Zwilling" auf die Stallkarte geschrieben wird und im Herde bei den MKZ ("Mehrlingskennzeichen") öfter ww für weibliche Zwillinge vorkommt dürfte die Häufigkeit für Pärchen doch um die 50 % liegen. Dann Zwillingsschwestern und Brüder je 25 %. Da muss ich mal die Abkalbestatistik über viele Jahre auswerten.

Zwicken sind meist unfruchtbar, schätzen würde ich es auf 97 %. Gefühlt ist einmal im Jahr eine dabei die dann doch fruchtbar ist. Die erkennt man an der Ohrmarkennummer, weil die gar nicht passt und halt zur damaligen Serie der Ohrmarken für die Bullenkälber gehört.
Die Ursache der Unfruchtbarkeit liegt in der Embryonalentwicklung. Erstmal sind alle Embryonen weiblich und haben die Müller-Gänge aus denen sich später die weiblichen Geschlechtsorgane entwickeln. Die männlichen Embryonen bilden dann das Anti-Müller-Hormon um ihre Müller-Gänge zurückzubilden. Da beim Rind aber die embryonalen Blutkreisläufe nicht vollständig voneinander getrennt sind bekommt der weibliche Embryo auch Anti-Müller-Hormon ab und die Entwicklung der Geschlechtsorgane wird gestört. 
Daher treten die Zwicken auch nur bei Pärchen auf.
 
Die Ausprägung der Unfruchtbarkeit ist ganz unterschiedlich. Es geht von fruchtbar bis hin zu Zwittern wie auf dem Foto unten, die zwichen weiblich und männlich liegen. Die meisten sind äußerlich weiblich und die Geschlechtsorgane sind nur teilweise ausgebildet; nur ein Eierstock, keine Eierstöcke, keine Gebärmutterhörner usw. 
Es gibt auch seltene Fälle von "versteckten Zwicken" wie ich sie als nenne: Weibliche Färsen die Symptome von Zwicken haben, obwohl keinen Zwillingsbruder. Wenn man im Herde dann nachrecherchiert stellte sich heraus, dass bei der Mutter zur TU Zwillinge diagnostiziert wurden, aber zur TU2 nicht mehr. Zwichenzeitlich war das männliche Kalb abgestorben und resorbiert worden, das weibliche aber schon zur Zwicke geworden.
 
Zwicken laufen bei uns in der Jungviehaufzucht bei ihrer Altersgruppe mit. Sie sind als Mastkälber nur zu Spottpreisen (10- 20 €...)  verkäuflich, weil als Zwillingskälber haben sie einen Gewichtsnachteil und als weibliche Kälber schlechtere Mastzunahmen; das können die Viehhändler und Rindermäster runterrechnen. 
Sie bleiben bis zum Alter von 17 - 18 Monaten, wenn sie Glück haben und fruchtbar sind wurden sie bei einer zwischenzeitlichen Brunst besamt, andernfalls werden sie als Schlachtfärse mit rund 500 kg verkauft. In der Schlachtkörperklassifizierung und Abrechnung laufen sie als normale Färsen.

Symbolfoto einer Zwicke, ein ausgeprägterer Fall, dass man von den außen auch was sieht. Hier ist die Scham um ca. 30 cm tiefer gelegt:



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Benjamin

 

 

1420

Mittwoch, 26. April 2023

Lebende Drillinge!

Tote Drillinge habe ich schon mal erlebt (siehe Post vom 06.06.2020). Aber gestern Mittag war dann Premiere für lebende Drillinge. 

47438 hätte heute Termin gehabt, kalbte aber schon gestern, also fast auf den Tag genau. Kamen im Halbstundenabstand zuerst ein Färsenkalb, dann ein Bullenkalb und dann noch mal ein Färsenkalb.

Das Besondere dabei: Die Kuh hatte schon mal Zwillinge. In ihrer bisherigen Laufbahn aus sieben Besamungen vier Kalbungen mit sieben Kälbern. Also quasi ein Besamungsindex von 1,0. 5 weibliche Kälber, davon 3 Zwicken (darüber muss ich auch mal einen Post schreiben) und zwei Bullenkälber, ein Zwilling und ein Drilling.
Wir haben einige Kühe die schon zweimal Zwillinge hatten und eine sogar dreimal.

Die Zwillingsträchtigkeit war bekannt, aber es kam dann noch ein drittes. Beim Ultraschall werden Zwillinge eher nebenbei gefunden und nicht explizit gesucht. Es geht um tragend oder nicht tragend, wobei nicht tragend schwerer zu diagnostizieren ist weil man die gesamte Gebärmutter absuchen muss ob wirklich leer. Tragend ist dann einfacher: Was gefunden das normal aussieht (nicht abgestorben o.ä.). Zwillinge sind dann beide auch gesehen. Und Drillinge hätte unser Tierarzt beim Ultraschall noch nie gesehen. Bei der TU2 (noch was für einen weiteren Post) vorm Trockenstellen wurde die Zwillingsträchtigkeit bestätigt  aber das dritte Kalb auch nicht gefunden.

Foto von den drei Kälbern, extra von oben in die Kälberboxen fotografiert, dass alle drauf sind. Links ist der Bulle (2 h alt), rechts hinten das jüngere Färsenkalb (1,5 h), vorne das ältere (2,5 h). Da sie so klein sind haben die aktuell noch eine gemeinsame Box. Und durften ihre Rotlichtlampe auch mehr als einen halben Tag behalten:

Benjamin


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 1413

Donnerstag, 12. Mai 2022

Wieder was Neues

In der Milchviehhaltung in mittleren bis großen Maßstäben kriegt man doch über die Jahre einige seltene Sachen mit.
 
Diese Woche war es eine Kuh die in der Milchleistung stark eingebrochen war und wir keine Ursache dafür finden konnten. Sie wurde bei der Trächtigkeitsuntersuchung unserem Tierarzt mit vorgestellt und er hatte schnell eine Diagnose: Gebärmutterverdrehung. Da war ich etwas ungläubig weil die Kuh erst 180 Tage tragend war. Das ist dann eine Torsio uteri ante partum - Verdrehung der Gebärmutter vor der Geburt. Mit meinen verbleibenden Lateinkenntnissen kann ich mit dem Begriff etwas anfangen.
Gebärmutterverdrehungen sind meist ein Geburtsproblem und recht selten, kann mich gut an eine 2015 erinnern, das war zwar bei den Umständen zum Glück kein traumatisches aber sehr prägendes Erlebnis.
Aus Interesse habe ich mal reingefasst und rektal konnte ich nur ertasten, dass was Hartes drin ist, ob das die Verdrehung selber war kann ich nicht sagen. Rektalisieren habe ich im März 2011 auf der Neumühle gelernt um Kotproben für den Luzerneversuch zu nehmen. Mehr als "Füllstand" Enddarm und Kotkonsistenz kann ich da nicht bestimmen.
Vaginal (Handschuh gereinigt!) war es eindeutig, nicht gerade zum Muttermund hin sondern hat zwischendrin ein Knick nach rechts weg gemacht.

Aufdrehen geht in dem Stadium nicht und das Kalb ist bereits tot weil die ganzen Blutgefäße abgeschnürt sind. Da das Kalb aber noch "frisch" war konnte die Kuh noch geschlachtet werden, dafür braucht es aber ein veterinärmedzinisches Begleitschreiben mit der Diagnose weil sie nahe an der rechtlichen Grenze vom zweiten zum dritten Trächtigkeitsdrittel war.

Mittlerweile bin ich nach "8.000 Kuhjahren Erfahrung" soweit, dass ich solche Ereignisse als schlimm aber glücklicherweise recht selten einordne.

Benjamin

Montag, 24. Januar 2022

Papilloma

Ein Schnappschuss von letzter Woche, denn ich habe bei einer der tragenden Färsen Papilloma entdeckt und mir als Erstes gedacht: "Das habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen."

Verursacher ist das Bovine Papillomavirus, das mit dem humanen Papillomavirus verwandt ist, das beim Menschen Gebärmutterhalskrebs verursacht. Bei Rindern sind es aber gutartige Tumore, die irgendwann vertrocknen und abfallen. Bisher habe ich die Wucherungen nur bei Färsen an Hals, Nacken und Kopf gesehen. Auf den ersten Blick sieht es aus wie beginnende Kälberflechte, aber nicht von flächiger Ausehnung und "dreidimensional".

Erstmals habe ich das 2014 mal gesehen und meinen Tierarzt danach gefragt, der es mir dann erklärte und sagte dass es harmlos ist solange es nicht ans Euter wandert und die Striche befällt. Soweit kam es aber nie und man sieht es gefühlt auch nur alle paar Jahre mal an einzelnen oder auch paar mehr Färsen, zumindest so oft dass man sich noch dran erinnert was das überhaupt ist.
Ganz zu Anfang habe ich auch im HERDE extra einen Kommentar "BPV" angelegt um die betroffenen Tiere zu markieren und die dann wieder gelöscht als ich wieder mit ihnen als Kühe zu tun hatte und man gar nichts mehr davon sah.

Benjamin
 

 

Freitag, 14. Januar 2022

Abgang von Esmeralda

Esmeralda war eine Kuh in der ersten Laktation. Die besten Kühe kennt man nicht, weil sie keine Probleme machen. Esmeralda machte bis zum Schluss keine Probleme, hatte aber trotzdem ein Großes: Einen Tumor im Unterkiefer.

Abstammung von Esmeralda:
 x Emtoro
  x Sudan
   x Bonatus
    x Hornezathe
 
Von Emtoro stammt das E als erster Buchstaben des Namens. Über die Benennungsregeln der Kühe muss ich auch mal einen Post schreiben...
 
Für ihre erste Laktation hatte sie nach 270 Tagen eine Hochrechnung für die 305-Tage-Leistung von 8.432 kg mit 4,01 % Fett und 3,46 % Eiweiß. Das ist etwas unter dem Schnitt der brandenburger Jungkühe.
Ihre Krankenakte war auch sehr dünn, bei den letzten beiden Mal Bestandsschnitt der Klauen hatte sie leichte Dermatitis Digitalis ("Mortellaro") drin stehen.
Und sie war auch schon wieder tragend, vom Bullen Casio und sollte Ende April kalben mit dann um die 384 Tagen Zwischenkalbezeit.

Sie war mit der Leistung eingebrochen von 25 auf 5 kg am Tag und kam deswegen zum Tierarzt. Sie war soweit in Ordnung und auch munter und der Tumor im Unterkiefer fiel eigentlich zufällig auf. Sie kaute zwar wieder, fraß aber trotzdem zu wenig, dass sie ihre Leistung nicht mehr halten konnte. Auch von der Kondition her war sie am unteren Ende des Üblichen. 
Und da die Prognose sehr schlecht war ging sie jetzt zwei Tage später zur Schlachtung. 

Benjamin
 

 

Donnerstag, 27. Mai 2021

Verschluss

Gusty ist in der 4. Laktation und steht aktuell trocken, in 3 Wochen soll sie zum 5. Mal kalben.
 
Jetzt hatte sie einen Scheidenvorfall (Prolaps Vaginae), wobei die Scheide auf "links" ein Stück weit rausgedrückt wird. Das ist quasi die kleine Variante des Gebärmuttervorfalls (Prolaps Uteri; siehe Posts vom 28.08.2014, 09.07.2016 und 24.11.2019). Beim Gebärmuttervorfall ist es aber lebensgefährlich, weil die ganzen Blutgefäße abgedrückt werden und zudem extreme Verletzungsgefahr besteht. Beim Scheidenvorfall ist nur die Verletzungsgefahr wenn eine andere Kuh direkt drauftritt. Der Vorfall geht auch nur bis zum Gebärmutterhals, was dann rauskuckt ist ungefähr so groß wie ein Volleyball. 
 
Bisher hatte ich in meiner Laufbahn zwei Scheidenvorfälle mitbekommen: Einmal im Sommer 2013 bei einer nicht tragenden Kuh, die deswegen später auch wegging und vor genau zweieinhalb Jahren ein schwerwiegender Fall (siehe Post vom 24.11.2018), bei dem dann ein Kaiserschnitt notwendig war.
 
Bei Gusty war es schon einige Zeit gewesen, dass man immer wieder mal ein Stück sah, wurde aber am Wochenende schlimmer. Die letzten Tage war es dann nicht, trotzdem hat unser Tierarzt gestern sicherheitshalber einen Verschluss gemacht. 
Dafür wird die Kuh unter Epiduralanästhesie gesetzt. Das wird zwischen die Schwanzwirbel in den Rückenmarkskanal gespritzt und wirkt auf das Rückenmark. Dadurch gibt es eine lokale Betäubung und die Kuh spürt von der Maßnahme nichts. Das gleiche wird beim Gebärmuttervorfall gemacht und bei der Schwanzamputation (siehe Post vom 09.01.2016).
 
Durch beide Schamlippen werden zwei Löcher gestochen und mit einem sterilen Band - vergleichbar mit einem Schnürsenkel - zusammengebunden.
Wenn sie anfängt zu kalben muss der Verschluss natürlich wieder aufgeschnitten werden, dass es nicht ausreißt. Das sollte dann eigentlich problemlos verlaufen, die nicht problemlose Ausnahme wäre der letzte Fall damals gewesen.

Benjamin



Montag, 14. Dezember 2020

Blutdruck

Noch ein Anwendungsgebiet für den Enthorner oder Lötkolben wie wir als umgangssprachlich dazu sagen: Das Verschweißen von stark blutenden Wunden bei denen die Blutgerinnung nicht mehr ausreicht.
 
Nach langer Zeit hatte ich am letzten Dienstag wieder so einen Fall. Das letzte Mal war das angebrochene Horn von Nr. 157 vor knapp vier Jahren gewesen (siehe auch Post vom 20.02.2017).
Am schlimmsten sind Verletzungen an den Eutervenen unten am Bauch. Zum Glück kenne ich das nur vom Hörensagen und musste es noch nie selbst miterleben. Mit der Faustzahl 500 Liter Blut die für einen Liter Milch durchs Euter fließen kann man das ausrechnen. Bei der deutschen Durchschnittskuh mit 29 Liter Tagesleistung sind das genau 10 Liter pro Minute, 5 pro Seite. Kühe haben eine für ihre Körpermasse geringe Blutmenge, nicht so wie beim Menschen wo man als 10 % sagt; es wären eher so 40 Liter. Und bei einer großen Verletzung an einer Eutervene kann die Kuh innerhalb von Minuten verbluten.

Diesmal hat es Jacina "nur" am Ohr erwischt. Was genau passiert war lässt sich nicht genau sagen, wahrscheinlich war die Ohrmarke damals zu nah an einem Blutgefäß eingezogen und jetzt hatte sie sich vielleicht die Ohrmarke im Fressgitter eingeklemmt und dann aufgerissen. Anfangs nur etwas blutend spritzte es später heraus und sie saute damit sich, die anderen Kühe um sie herum und auch die Einstreu ein. Überall Blut!
Die Ohrmarke wurde herausgeschnitten und die Wunde mit dem Enthorner verödet, das ganze umliegende Gewebe verschmilzt und dichtet das Blutgefäß ab.
 
Ein Foto habe ich gemacht auf dem man das Blut spritzen sieht, weil man glaubt gar nicht wie stark die Ohren durchblutet sind. Das Originialfoto ist stark zugeschnitten, weil eigentlich nur Blut zu sehen ist und es viel schlimmer wirkt als in natura. Das Blut ist aber dann recht schnell abgetrocknet und nur noch am verklebten Fell zu erkennen gewesen und vor allem an der fehlenden Ohrmarke.
 
Im grünen Kreis:
 
Benjamin
 

 


Montag, 6. Juli 2020

Steinfrucht mit Fell

Da hatten wir letzte Woche mal wieder was mit Seltenheitswert: Und zwar eine Steinfrucht mit Fell.
Mumien hatte ich schon mal gehabt (siehe Post vom 10.12.2013), wo ein Fetus abstirbt und nicht resorbiert oder abgestoßen wird.
Die Steinfrucht entsteht früher und ist dann undifferenziert und eigentlich nur ein Klumpen.
Das Besondere an diesem Fall ist aber die Nabelschnur und vor allem das Fell. Von der Haarlänge her ist es bis zum Schluss versorgt worden.
Es waren Zwillinge, das eine Kalb wurde ganz normal geboren und dann kam die Steinfrucht noch hinterher. 
Meine Erklärung dazu: Der eine Embryo ist bei einer Größe von vielleicht 10 cm abgestorben und wurde aber noch weiter versorgt und es wurden Gewebeschichten außenrum gebildet, inklusive Haut und Fell.
Die Natur hat immer wieder Überraschungen parat:

Benjamin

 

Donnerstag, 2. Juli 2020

Kaiserschnitt

Gestern habe ich mal wieder einen Kaiserschnitt mitgemacht, das ist zum Glück recht selten. Ich schätzte das auf eine von 1.000 bis 1.500 Kalbungen. Zusammen mit der Fetotomie (siehe auch Post vom 26.08.2019) gibt es dafür beim Melden der Kalbung den Kalbeverlauf "4 OP", was noch eine Stufe höher ist als "3 schwer".

Erstmals von einem Kaiserschnitt habe ich im Herbst 1995 mitbekommen, da hatte die Cousine meiner Mutter einen Fall. Sie waren die letzten in der Familie (glaube bis 2003) die vor mir Kühe hatten. Waren aber nur eine Handvoll und da war der Kaiserschnitt ein Jahrhundertereignis.

Für mich war es jetzt der fünfte Kaiserschnitt. 
Der vierte im November 2018 war gut ausgegangen und darüber habe ich im Kuhblog berichtet (siehe Post vom 24.11.2018). Kuh Nr. 1053 hatte einen chronischen Scheidenvorfall und konnte auf natürlichem Weg nicht kalben. 

Die drei ersten waren "Notkaiserschnitte" gewesen.
Der erste war im September 2014 bei Kuh Nr. 1048 die hochtragend an einem Leberschaden verendet ist. Die sterbende Kuh wurde aufgeschnitten um das Kalb noch zu retten. Es waren weibliche Zwillinge, eines war tot, das andere überlebte nur wenige Stunden.
Der zweite war im Februar 2016 bei Kuh 1231. Eine Para-TB-positive Kuh, tragend von Delgado, einem weißblauen Belgier. Die hatte eine Gebärmutterverdrehung, wo die Gebärmutter samt Kalb darin verdreht und der Gebärmutterhals abgeschnürt ist. War auch die erste gewesen die ich mitbekommen habe. Das Kalb mitsamt der Gebärmutter wieder richtig hinzudrehen klappte noch mit dem Gyn-Stick (-> Link), aber das Kalb war dann zu groß. Da nach drei Stunden die Kuh dermaßen abgekämpft war blieb als Ausweg nur noch sie einzuschläfern und auch da den Kaiserschnitt an der sterbenden Kuh zu machen. Es war ein großes Bullenkalb von geschätzt 55 kg (die Kälberwaage gabs noch nicht), das ich M14329 AGB Deiko nannte und sich prächtig entwickelte.
Vom dritten Kaiserschnitt kenne ich nur noch den Namen vom Kalb: Sigrun. Das war im Frühjahr 2017. Eine ziemlich kranke, aber hochtragende Kuh, wo wir nicht wussten ob sie es noch bis zur Kalbung schafft. Daher der Plan mit 270 Tragetagen einen Kaiserschnitt zu machen. Danach wurde die Kuh eingeschläfert, weil sie wahrscheinlich an den Folgen der Operation sowieso gestorben wäre. Damals hatten wir es auch über das Zunähen der toten Kuh. Weil die "offen" nicht in die Tierkörperbeseitigung darf. Denn das liefe dann unter einer Sektion im Stall und die sind nicht erlaubt, weil nur unter hygienischen Bedingungen zugelassen für die gerichtliche Verwendbarkeit der Ergebnisse. Hat zwar überhaupt keinen Zusammenhang aber der deutsche Auflagenwahn halt. Sigrun überlebt leider auch nur einen Tag.

Jetzt der fünfe Kaiserschnitt gestern bei Kuh Nr. 1314 Baleika zur zweiten Kalbung. Es war eine Zwillingsträchtigkeit, die auch per Ultraschall erkannt und in unseren Akten vermerkt worden war. Die beiden Kälber waren aber schon tot und zudem für Zwillinge recht schwer mit 36 und 35 kg. Bei der Kalbung gibt es drei Kräfte: Die Wehen der Gebärmutter, die Bauchpresse der Bauchmuskulatur und die Eigenbewegung des Kalbes. Die Eigenbewegung der Kälber fiel weg und dann gab es eine "Vorfahrtverletzung": Ein Kalb Rückwärts in Steißlage und das andere Kalb darunter in normaler Vorderendlage und steckten im Becken der Kuh fest. Es schaute nur ein Stück vom Schwanz raus. 
Unser Tierarzt ist momentan in Urlaub (in Rheinhessen!) und da rief ich den Vertretungs-TA an, der auch recht schnell vor Ort war und nach kurzer Begutachtung sich für den Kaiserschnitt entschied. Ich habe dabei den Vet-Assi gemacht.

Benjamin

Montag, 22. Juni 2020

Krummer Fuß

Fehlbildungen bei Kälbern kommen ab und zu vor.
Recht "häufig" ist die Verkürzung der Beugesehnen an den Vorderklauen, wo das Kalb die Beine nicht ganz durchstrecken kann und wackelig auf den Klauenspitzen steht. Das kriegt man aber mit Streckübungen meistens wieder hin.
Dann gibt es auch Stummelschwänze oder einen ganz fehlenden Schwanz wie damals bei Michi (siehe Post vom 14.10.2013). 
Glaube zweimal hatte ich schon ein Kalb mit offener Bauchdecke und Uwe hatte schon mal ein Kalb mit insgesamt acht Beinen. Die waren zum Glück aber allesamt tot gewesen und mussten nicht leiden.

Am Samstag gab es nun ein ziemlich missgebildetes Kalb, das zwar lebte, aber nicht lebensfähig war. Im Maul hatte es eine doppelte Gaumenspalte, sodass es nicht saufen konnte und die beiden Hinterfüße waren total verformt (siehe auf dem Foto). Beim linken Fuß war der Mittelfußknochen um 90 Grad nach außen gedreht und der rechte Fuß war vom Fersengelenk in eine total falsche Richtung gewachsen, sodass der nicht seitlich am Bauch lag sondern hinten quer. Trotz dem Bein das sich nicht richtig strecken ließ wurde es ohne Probleme geboren.
Bei einem Kalb das weder saufen noch aufstehen kann ist die Prognose gleich null und des musste eingeschläfert werden. Das kommt immer mal wieder mal vor und es gehört zum Leben auch dazu, aber da war es besonders schwer: Es war aufmerksam und muhte weil es Hunger hatte. Und laut unserem Tierarzt hat es dann tapfer gegen den Tod angekämpft...

Benjamin


Samstag, 6. Juni 2020

Tote Drillinge

Kein schöner Anlass, aber doch mit extremen Seltenheitswert, sodass ich einen Post darüber schreibe.
Heute habe ich meine erste Drillingsgeburt mitbekommen, alle drei Kälber - allesamt weibliche - wurden aber tot geboren.
Rinder sind in der Regel Einzelgeburten, Zwillinge kommen auch vor und sind gar nicht mal so selten. Ich habe mal in meinen Statistiken nachgeschaut und über die Jahre waren ungefähr 4 %, also jede 25. Kalbung eine Zwillingskalbung. Dabei vermehrt bei älteren Kühen: Bei Erstkalbenden unter 2 % und ab der 5. Kalbung um die 6 %.
Für Drillinge kann ich jetzt mangels Fällen keine Zahlen nennen, da es aber so viele Jahre gedauert hat schätze ich es auf eine von 5.000 bis 10.000 Kalbungen. Also 0,01 - 0,02 %.
Totgeburten sind bei Zwillingen schon häufiger, bei Drillingen fast schon üblich. Drillinge allesamt lebend über die ersten Wochen zu kriegen, das gibt dann eine Meldung in der Bauernzeitung und lebende Vierlinge deutschlandweit auch in den allgemeinen Medien, sowas kommt nur alle paar Jahre mal vor.
Bei uns waren sie aber alle drei tot.
Love stand zu ihrer 4. Kalbung an, mit 268 Tragetagen rund anderthalb Wochen vor dem eigentlichen Termin. Das erste Kalb lag schon falsch, nur der Kopf kam raus und die Vorderbeine waren nach hinten umgeschlagen. Meine Kollegin konnte es aber per Hand rausziehen. Weil das so klein war (nur 27 kg später gewogen) machte ich noch einen Kontrollgriff in die Gebärmutter, fühlte aber kein weiteres Kalb. Die müssen extrem tief drin gelegen haben. Nach drei Stunden kam das zweite Kalbe und musste rückwärts rausgezogen werden (Hinterendlage) und wiederum eine Stunde später dann noch das dritte (Steißlage).
Zusammen hatten sie 85 kg. 27, 30 und 28 kg. Vom Gewicht hätte ich spontan Drillinge leichter eingeschätzt; sie kommen damit an leichte Zwillinge heran.
Und gleich drei tote Kälber im Kadaverhaus liegen zu haben ist wirklich nicht schön...

Benjamin

Nachtrag:
Die Drillinge waren natürlich das Thema und da haben wir am Sonntag in der Frühstückspause mal recherchiert.
An lebende Vierlinge kann ich mich mal Ende der 1990er in Schleswig-Holstein erinnern, das war damals eine Rotbunte mit drei Färsen- und einem Bullenkalb. Aber es gab auch gerade vor zwei Wochen wieder welche in Baden-Württemberg: --> siehe hier
Die Pressesprecherin des Landesbauernverbands nennt da eine Wahrscheinlichkeit von einer von elf Millionen Kalbungen. In der Größenordnung hätte ich es auch eingeschätzt, zwischen 10 und 20 Millionen bei ca. 4 Millionen Kalbungen in Deutschland pro Jahr und alle paar Jahre mal.
Fünflinge gabe es mal 2011 auf der Agrofarm Lüssow, drei lebend und zwei tot: --> siehe hier
Und lebende Fünflinge 2013 in Baden-Würtemberg: --> siehe hier
Unser Tierarzt meinte, dass er noch nie lebende Drillinge hatte und ich darauf, dass das bestimmt so wahrscheinlich wie eine 10-Tonner-Kuh (10.000 kg Fett + Eiweiß Lebensleistung) ist. "Hier vielleicht, in Iden nicht." "Da ist das noch seltener als eine 200.000-Liter-Kuh." (vergleiche Post vom 05.09.2018)

Montag, 24. Oktober 2016

Weiße Soße

Canta hatte einen großen Abszess am Hals. Wodurch der auch immer ausgelöst wurde; diese Stelle ist typisch für Spritzabszesse, die durch schmutzige Kanülen verursacht werden. Die sind aber in der Regel faustgroß. Meine Braunie hatte auch eine, deshalb habe ich sie nur noch von der anderen Seite fotografiert. Aber da kann ich stolz sagen: Sowas gibts bei uns nicht!

Zumindest hatte sie diesen Abszess und ich schmierte den als mit Zugsalbe ein. Ist Ammoniumbituminosulfonat - mit dem Bitumen kann man sich schon vorstellen wie das riecht; da hat man den ganzen Tag davon wenn was auf den Ärmel kommt - das die Durchblutung fördert, dass mehr Eiter gebildet wird bis der Abszess aufgeht.
Bloß der ging nicht auf und wurde in den letzten Tagen noch größer:



 ...und so wurde er am Donnerstag aufgeschnitten. Der Eiter ist literweise rausgeplätschert und stank zu meiner Überraschung nicht (rechte Pfütze). Danach wurde das mit dem Wasserschlauch ausgespült und abgekapseltes Gewebe rausgeholt, wobei ich aber nur daneben stand und sie an der Nase festhielt. Vom Blut ist das Wasser entsprechend rot gefärbt, wobei es auf dem Foto schlimmer aussieht als es war:



















Schon erstaunlich wie stark das Immunsystem ist!

Benjamin

Samstag, 9. Januar 2016

Schwanzamputation

Kuh Nr. 1183, Samone - benannt nach ihrem Vater Samburu, was man an den Dalmatinerflecken sieht - hatte echt Pech: Eine andere Kuh muss ihr unglücklich auf den Schwanz getreten sein, sodass sich die Verletzung entzündete und ein eitriger Abszess entstand, der ins Rückenmark zog. Daher musste nun der Schwanz amputiert werden. 
Zum Ablauf: Der Schwanz wird unter Lokalanästhesie gesetzt, unterhalb der Stelle der Abtrennung in einen Besamungshandschuh gepackt - also ein weiteres Einsatzgebiet dafür (vgl. Post vom 25.12.2015) - , der Rest gewaschen und kahlrasiert und oben fest abgeschnürt, dass nicht zu viel Blut verloren geht. Die Lache auf dem Foto stammt aus dem unteren Teil des Schwanzes, was zurück lief. Dann werden zwei Hautlappen freigeschnitten, mit denen nach dem Abtrennen des Schwanzes zwischen zwei Wirbeln die Querschnittsfläche abgedeckt und vernäht wird, dass das neue Schwanzende auch von Haut umschlossen ist. Danach wird noch ein Verband umgelegt, dass es ungestört verheilen kann.
Meine Aufgabe war dabei den Schwanz passend zu halten bzw. später den Stummel möglichst weit vom schmutzigen Rest der Kuh weg.
Und sie war die ganze Zeit über extrem ruhig bis sogar desinteressiert und fing irgendwann an wiederzukauen.

Das Foto nach erfolgreicher Operation. Da der Abszess, als Verdickung am linken Schwanzstück zu sehen, ziemlich in der Mitte saß musste recht viel amputiert werden, sodass nur noch ein ungefähr 20 cm langer Stummel übrig blieb:

Benjamin