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Freitag, 23. April 2021

Inzucht - Teil 1

Gestern nahm ich an der Online-Veranstaltung der RBB teil: "Inzucht (K)eine Einbahnstraße? Vielfalt gezielt nutzen."
Inzucht ist ein Stück weit so eine diffuse Angst, dass irgendwann alle Rinder degenerieren. Bei einigen ist die Inzuchtvermeidung mit das Wichtigste in der ganzen Zucht; da werden manche Bullen aufgrund ihrer Abstammung kategorisch abgelehnt. Im Studium hat man Inzuchtgrade berechnet und auch die Zahl, dass bei den Holsteins die effektive Populationsgröße 80 beträgt. Also die 30 Mio. (?) weltweit verhalten sich durch die Zucht wie 80 die sich ganz zufällig ohne jegliche statistische Häufungen fortpflanzen.

1. Vortrag war von Dr. Rensing vom vit. "Wo steht die deutsche Holsteinzucht?" Erst einmal die ganzen Hintergrundzahlen zum Thema.
Durch die Zucht steigt prinzipiell der Inzuchtgrad an, weil die Anpaarung gezielt innerhalb der Population sind. Der Anstieg kann nur verlangsam werden, verringern geht nur die Einkreuzung anderer Rassen.
In Deutschland liegt der Inzuchtgrad der Population bei knapp 8 % mit einem jährlichen Anstieg von 0,15 %. Das ICAR (International Committee for Animal Recording) empfiehlt nicht mehr als 1 % pro Generation, bei so 4 Jahren Generationsintervall bei den Kühen wären das 0,25 % pro Jahr, bei denen man in den USA und Kanada liegt.
 
Zu den Befürchtungen über Inzucht:
- Inzuchtdepressionen, eher auf die Gesundheit und Fruchtbarkeit als auf die Leistungen bezogen. Da ist nicht so viel bekannt. Die Uni Wageningen hat dazu eine Studie gemacht aus den ganzen Satistiken der Milchkontrolle und dabei wurde berechnet dass die negativen Effekte der Inzuchtdepression nur 1 % der positiven des Zuchtfortschritts betragen. 
- Rezessive Erbfehler treten auf. Mit der genomischen Zuchtwertschätzung können die Erbgänge aufgeklärt und die jeweiligen Genotypen aus der Zucht ausgeschlossen werden. Ein recht bekanntes Beispiel dafür ist das Cholesterin-Defizit, das vor paar Jahren auftrat und recht schnell weggezüchtet wurde.
- Verlust an Blutlinienvielfalt. Eigentlich ist ja die Zucht genau die Absicht die schlechtere Seite der Vielfalt auszuschließen. Es besteht aber die Gefahr, dass unbeabsichtigt die Varianz in züchterisch nicht bearbeiteten Merkmalen zu verringern. Mit dem Gefriersperma hat man aber eine Genreserve, mit der man zu jedem genetischen Zeitpunkt der letzten 60+ Jahre zurückkehren kann.
 
Die Inzucht wird in alte und junge Inzucht unterschieden. Die alte Inzucht ist mehr als 3 bis 4 Generationen her und hat sich in der Rasse etabliert und ist für der Charakteristik verantwortlich. So gehen die ganzen Holsteins wahrscheinlich auf nur 15 der Rinder zurück, die mal aus Holland/Friesland im 17. und 18. Jahrhundert nach Nordamerika kamen. Als Beispiel der alten Inzucht auch Hanoverhill Starbuck, von dem vor 6 Jahren über 90 % der Boberower Kühe abstammten (siehe auch Post vom 27.02.2015).
Die junge Inzucht ist innerhalb der letzten 3 bis 4 Generationen und sollte vermieden werden.
 
2. Vortrag war von Hrn. Meininkmann von der RUW und Hrn. Schnoor von der RSH über die Beachtung der Inzucht im Phönix-Zuchtprogramm. Dort sind beide als Sireanalysten ihrer Zuchtorganisationen bei der Bullenauswahl zuständig. In der Phönix-Group sind sie dafür zu neunt, also noch weit entfernt von den angestrebten Synergieeffekten, die wurden wahrscheinlich noch gar nicht bei den zurückliegenden Fusionen RinderAllianz und Qnetics genutzt...
 
Es wurden einige Beispiele von stärkerer Inzucht genannt. U.a. beim bedeutenden Goldwin (Großvater von Gisela) und unter den aktuellen Besamungsbullen finden sich einige aus Halbgeschwisterpaarungen. Besonders bei hornlosen Bullen wo so zwei P-Allele zusammengeführt wuden um ein PP zu erhalten. 
Für das Phönix-Zuchtprogramm werden rund 1.000 Embryonen im Jahr importiert, dabei sind auch alternative Genetiken.
Wobei die Outcross-Bullen, also Bullen mit unübichen Abstammungen, zwar gefordert werden dann aber nicht so großen Absatz finden, weil in den Zuchtwerten meist schlechter.
Die genomische Zuchtwertschätzung hat zu einem geringeren Generationenintervall geführt und einem schnelleren Wechsel auf dem Bullenmarkt, sodass stark eingesetzte Bullen schneller nach hinten in den Vorfahrenreihen wandern. Als Beispiel fällt mir da Bookem ein, von dem mittlerweile die Urenkel schon "durch" sind.

Es gab noch eine Diskussion über die Größe, dass die aktuell eingestuften Jungkühe bei einer durchschnittlichen Kreuzbeinhöhe von 151 cm liegen und damit in paar Jahren Altkühe von 1,6 m keine Seltenheit sein werden. Als positives Beispiel wurde Martinius herausgehoben, der über eine Standardabweichung nach unten (87) abweicht. Aber da große Kühe auch schwerer sind und damit einen höheren Erhaltungsbedarf haben werden sie dadurch in der Futtereffizienz das Nachsehen haben, wenn irgendwann mal dieser Zuchtwert kommt.
 
Fortsetzung folgt!

Benjamin


Donnerstag, 3. Dezember 2020

Hype töchtergeprüft

Um Hype (siehe auch Posts vom 09.08.2017 und 08.08.2016) war es in der letzten Zeit ruhig geworden. Er war weiterhin im Angebot der RinderAllianz.

Am Dienstag wurde vom VIT die Zuchtwertschätzung Dezember 2020 veröffentlicht. Intern glaube wird die Zuchtwertschätzung mittlerweile täglich berechnet; oder zumindest einmal in der Woche. Veröffentlicht werden sie aber nur dreimal im Jahr - jeweils Anfang April, August und Dezember, wonach dann die Zuchtorganisationen ihre Angebote ausrichten.

Und diesmal war Hype erstmals als töchtergeprüfter Bulle dabei mit Zuchtwerten nicht nur anhand der eigenen Genotypisierung sondern nach Daten der eigenen Töchter. 
Das ist der klassische Altersverlauf der Besamungsbullen wie man im Studium oft durchgerechnet hat:
Geboren am 05.05.2016 kam er im Sommer 2017 mit etwas über einem Jahr in den Ersteinsatz und in der Augustzuchtwertschätzung 2017 mit 15 Monaten ins Angebot. Im Mai bis Juli 2018 (Hype 24 bis 26 Monate alt) wurden seine ersten Töchter dann geboren. Die wiederum kalbten von April bis September 2020 (Hype 47 bis 52 Monate alt) erstmals ab und somit waren in der Dezemberzuchtwertschätzung (Hype 55 Monate alt) Daten von 219 Töchtern vorhanden um für ihn einen töchterbasierten Zuchtwert zu berechnen.

Mit der Zuchtwertschätzung gibt es auch das erste Bullenangebot der PhöniXGroup. Schon beeindruckend die Auswahl an Rassen, die hauptsächlich durch die RBW (Braunvieh, Fleckvieh, Vörderwälder, Hinterwälder) eingebracht werden.

Wo sich Hype im Vergleich befindet: Auf der Bestenliste der schwarzbunten töchtergeprüften Holsteinbullen nach Gesamtzuchtwert RZG auf Platz 11 und nach ökonomischem Zuchtwert RZ€ auf Platz 27. Die Diskrepanz kommt durch seinen hohen RZE von 125 zustande, da das Exterieur in den RZG zwar mit 15 % Einfließt, aber als ökonomisch unbedeutend nicht in den RZ€.

Das ist sein offizielles Datenblatt mit den ganzen Zuchtwerten.
Seine letzten rein genomisch geschätzten Zuchtwerte sieht man im Vergleich nicht, aber ich hatte mir die abgespeichert um sie Vergleichen zu können.
Die Entwicklung der wichtigsten Zuchtwerte jetzt mit der Töchterinformation:
RZG + 4
RZ€ - 58 €
RZM +/- 0
RZE + 3
RZN + 3
RZGes + 1
Mkg - 105
Fett% + 0,09
Eiweiß% + 0,03
 
Eine deutliche Veränderung ist auch im Linearprofil des Exterieurs die Körpertiefe von 105 auf 96 und das Zentralband von 98 auf 84.
Schwächen sind die Totgeburtenrate und besonders die extreme Schärfe; ein BCS von 71 bei einem Milchcharakter von 130, da würde ich in wirklich nur für sehr "unedle" Kühe empfehlen.

Benjamin

Freitag, 18. September 2020

PhöniX

Für mich habe ich gestern die Corona-Pandemie für beendet erklärt. Denn das Medikament, das ein halbes Jahr nicht lieferbar war, weil einer der Grundstoffe aus China nicht mehr kam, gibt es nun wieder. Das war die einzige Einschränkung in meinem Alltag gewesen.

Die positiven Folgen von Corona merkt man an den digitalen Möglichkeiten, die nun verstärkt genutzt werden.

So auch gestern Abend die gestreamte Pressekonferenz zur Gründung der PhöniXGroup. Im Vorfeld war schon groß angekündigt worden, alles recht nebulös über die Zukunft der Rinderzucht. Ich hatte gemutmaßt, dass ein gemeinsames Holstein-Zuchtprogramm für ganz Deutschland verkündet wird.

PhöniX ist der Zusammenschluss für das Zuchtprogramm und die Vermarktung der Zuchtverbände RinderAllianz (Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt), Rinderproduktion Berlin-Brandenburg (Brandenburg), Qnetics (Hessen, Thüringen), Rinder-Union West (Rheinland-Pfalz, Saarland, Nordrhein-Westfalen) und Rinderunion Baden-Württemberg. Es wurde extra gesagt, dass sie in Zukunft auch offen für weiter Kooperationspartner seien.

Die Bullen gehören weiterhin den einzelnen Verbänden, werden aber ausschließlich unter dem Namen PhöniX im ganzen Gebiet angeboten. Neben Holsteins auch Fleckvieh, Braunvieh und Fleischrassen. Insgesamt dürften es rund 50 % aller Herdbuchkühe in Deutschland sein. Erwähnt wurde extra, dass es auch in Richtung Mastanpaarungen gehen soll; dabei auch die Kapazitäten des Testherdenporgramms ProFitPlus von RBB und RinderAllianz zu nutzen. In der aktuellen Blickpunkt Rind war zu dem Thema auch ein Artikel über den Geburtsverlauf von Masthybriden, wobei Holstein x Uckermärker am besten Abschnitt. Das ist also ganz am Puls der Zeit.

Des Weiteren die Zusammenarbeit mit dem IFN in Schönow und es soll eine eigene Biotechnologie-Station für Embryotransfer und Ovu-Pick-Up aufgebaut werden, die in Nückel gehört ja der Masterrind (siehe Posts vom 06.06.2019 und 11.06.2019). Und das neue Sexing-Labor der RBW in Bad Waldsee, dazu wurde nichts gesagt aber das dürfte ein gewichtiger Grund bei den Verhandlungen gewesen sein.

Der Geschäftsbetrieb startet dann zum 1. Januar.

Auf die Zukunft des Zuchtprogramms und was für neue Ideen in der Zucht jetzt umgesetzt werden bin ich gespannt.

Internetseite der PhönixGroup (noch recht überschaubar): www.phoenix-genetics.de

Benjamin