Ballengarn, Pressengarn oder auch (Ballen)schnur dient dazu Ballen aus gepresstem Stroh, Heu oder anderen Halmgütern zusammenzuhalten. Das ist der wichtigste und primäre Verwendungszweck, aber es gibt viele Anwendungsbereiche.
Es dürfte Anfang 2015 gewesen sein, als die Kollegen von der Mutterkuhabteilung am alten Toyota Hilux den lockeren Frontbügel mit Ballenschnur festgebunden hatten. Da war mein Kommentar: "130er Ballengarn hält die deutsche Landwirtschaft zusammen." Habe damals ein Foto davon gemacht, aber scheinbar nie auf meinen Computer übertragen und so ist es mit einem ersten iPhone in die Gülle gefallen.
Historisch wurden jahrtausendelang Getreidegarben mit verdrilltem Stroh zusammen gebunden. Als im 19. Jahrhundert die Mähbinder aufkamen banden die zunächst mit Drähten. Aber da Drahtreste im Getreide oder Stroh nicht ungefährlich sind wurde dann auf Sisal umgestellt, was für Strohpressen übernommen wurde.
Heute gibt es Sisalgarn noch in Nischenanwendungen, üblich ist Kunststoffgarn aus Polypropylen (PP). Bei Rundballenpressen spielt Garnbindung kaum noch eine Rolle, da wird eigentlich alles mit Netz gepresst, seit den 2010er Jahren auch häufiger mit Mantelfolie bei Silage.
Die 130 bezieht sich auf die Stärke des Garns. 130 Meter wiegen ein Kilo. Also je höher die Zahl, desto dünner ist das Garn.
130 m/kg sind Standard für Quaderballen, es gibt aber auch 102, 108, 110, 120, 150.
320 oder 400 m/kg sind für Hochdruckpressen.
750 m/kg sind für Rundballenpressen.
Bei den Quaderballenpressen sind Garnrollen mit 10 oder 11 kg Standard, in der aller obersten Liga der Pressen gibt es auch 15 kg-Rollen.
Das Garn gibt es in verschiedenen Farben: Meist Blau, Rot, Weiß, aber auch Grün, Gelb, Dunkelblau und Lila.
Benutztes Ballengarn nach Aufschneiden der Ballen wird sortenrein in einem leeren Bigbag gesammelt und über das ERDE-System (siehe https://www.erde-recycling.de) recycelt.
Neben der Verwendung beim Pressen lässt sich das Garn vielfältig (zweit)verweden. Hauptsächlich überall dort, wo man schnell etwas festbinden muss. So habe ich an die Hammerschlaufe meiner Arbeitshose gebunden immer einen Meter Ballenschnur dabei, wo ich den tatsächlich bei meiner Beladeliste vergessen hatte (vgl. Post vom 23.12.2019).
Eine weitere Anwendung ist für Treibwegabgrenzung. Dafür müssen die Rinder aber zuerst den Elektrozaun kennen gelernt haben, sodass sie auch vor der stromlosen Schnur Respekt haben. Dafür ist neues Ballengarn direkt von der Rolle zu empfehlen, dass man keine Knoten - sowohl vom Pressen als auch Aneinanderknoten - hat, die beim Auf- und Abwickeln stören.
Symbolfoto: Pfosten in Boberow, an dem die Schnüre für den Treibweg über den Hof vom Abkalbe-/Krankenstall zum Melkhaus eingehängt werden:
Ein eher seltener Anwendungsfall für benutztes Ballengarn ist der Transport von toten Kühen ins Kadaverhaus. Wie ich das erstmals gemacht habe war das ein richtiges Aha-Erlebnis: Ein Kollege zeigte mir die Technik und ich dachte mir: "Sowas lernt man nicht im Studium!" Und auch nicht in der Berufsschule, sodass das bei mir Ausbildungsinhalt ist, wenn es sich anbietet.
Die 6 aufgeschnittenen Schnüre eines Ballen (120 cm breit) werden parallel gelegt und alle Meter macht man einen Knoten zur Verstärkung. Somit hat man einen ca. 6 m langen Strang mit genügend Zugfestigkeit.
An einem Vorderbein unterhalb des Karpalgelenks wird die Kuh angebunden, ich nehme dazu einen Mastwurf als Knoten und dann am Hinterbein der anderen Seite, also über Kreuz. Der Strang dazwischen wird mit jeweils einem Halbschlag über die "Hörner" der Werkzeugaufnahme vom Lader gehangen.
Die Kuh kann man bequem mit dem Taschenmesser wieder abschneiden und das Garn entsorgen.
Schemazeichnung:
Benjamin
1519



